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11.2015




Milano : La Grande Madre


von: Ruth Händler

  
Pipilotti Rist ·Mother, Son & the Holy Milanese Garden, 2002/2015, Video installation, 6'18'' (loop), Hauser & Wirth; Luhring Augustine, NY


Eine Schau von Welt kann man auch nach dem offiziellen Schluss der Weltausstellung in Mailand besuchen: Noch läuft im Palazzo Reale am Domplatz die von der Fondazione Nicola Trussardi produzierte Ausstellung ‹La Grande Madre›, die zum Rahmenprogramm der Expo gehört und ihre geistigen Wurzeln in der Schweiz hat. Zu den Inspirationsquellen der ambitionierten Schau von Massimiliano Gioni zählt das nie realisierte Ausstellungsprojekt ‹La Mamma› von Harald Szeemann, seinerseits ja eine Art Papa aller nachfolgenden Kuratoren.
Mit über vierhundert Werken von internationalen Künstlern hat Gioni das Piano Nobile des Mailänder Stadtschlosses als eine Art begehbare Wundertüte inszeniert: Egal, mit welchen Erwartungen die Besuchenden den Rundgang starten, für alle ist genügend Anregendes dabei in den 29 neoklassizistischen Prunksälen, wo eben auch manches zeitgenössische Werk stärker zur Geltung kommt als im White Cube. Der historische Auftakt gilt der ersten Regisseurin in der Welt des Films Alice Guy-Blaché, einer Zeitgenossin der Brüder Lumière, die in einer bezaubernden Sequenz aus dem Jahr 1896 eine Fee zeigt, die Neugeborene von Kohlköpfen pflückt - gar nicht so weit entfernt von den heute sehr populären Baby-in-Blüten-Bildern der australischen Fotografin Anne Geddes. Wie auch in seiner Biennale-Venedig-Schau 2013 nimmt Gioni ein Vollbad im Unbewussten: Mystizismus, Spiritismus, Surrealismus - viel Stoff zum Thema der Muse, der mehr oder weniger furchterregenden Mutter, der Verrückten und der bedrohlichen weiblichen Kreativität. In einem Symbolbild der Fotografin Lee Miller hält der Riese Max Ernst seine puppenhaft geschrumpfte Künstlerin-Gattin Dorothea Tanning mit der Faust unter Druck. Im nächsten Saal lässt Gioni die Kunst der Frauen aus dem Umkreis der Surrealisten von Leonor Fini über Frida Kahlo bis Unica Zürn explodieren.
Einen unvergesslichen Akzent setzt die raumfüllende Installation des gebürtigen Jamaikaners Nari Ward, der uns an 280 ausrangierten Kinderwagen vorbeiführt, begleitet von Mahalia Jacksons titelgebendem Song ‹Amazing Grace›. Nachdem die historischen Etappen mit dokumentarischem Material abgearbeitet sind, kann man sich dem Luxus widmen, hervorragende Arbeiten zu geniessen. Ein Saal ist Louise Bourgeois gewidmet, von Rineke Dijkstra die Reihe junger Mütter, die kurz nach der Geburt nackt mit ihrem Baby im Arm posieren, von Pipilotti Rist die Projektion einer stillenden Mutter, an der Stuckdecke aufgelöst in bewegende Farb- und Sphärenklänge. Schon allein diese Werke machen die Schau sehenswert.
Eindrucksvoll auch die männlichen Von-Aussen-Blicke: etwa das grosse Schwarz-Weiss-Tableau ‹The Brown Sisters› von Nicholas Nixon, der seit 1975 jedes Jahr ein Porträt seiner Frau mit ihren drei Schwestern aufnimmt, alle älter werdend, jede auf ihre Art. Oder das wunderbar verstörende Video ‹Me and My Mother› von Ragnar Kjartansson, der in seinem ersten Werk, damals noch als Kunststudent, seine Mutter als Mitspielerin engagierte und nun mit ihr seit 2000 alle fünf Jahre vor der grossbürgerlichen Bücherwand dieselbe Performance praktiziert: Mama mit den schalkblitzenden Augen spuckt auf ihren Sohn, immer und immer wieder. Ganz zum Schluss begegnet man dem etwas unheimlichen Frauenporträt, das der Schau den Stempel aufdrückt: Eine starre Mutter-Maske aus Wachs, Gillian Wearings Versuch, sich im ‹Selbstporträt als meine Mutter› dem prägenden Lebensmenschen anzunähern.

Bis: 15.11.2015



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Ausgabe 11  2015
Ausstellungen La Grande Madre [25.08.15-15.11.15]
Institutionen Palazzo Reale [Milano/Italien]
Autor/in Ruth Händler
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