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Fokus
12.2015


 Die Faszination für Licht und Farbe eint ein Künstlerpaar, das von seinen Werken her unterschiedlicher kaum sein könnte. ­Silvia Gertsch und Xerxes Ach teilen seit 25 Jahren Leben und Atelier. Sie malt lichte Momente in fotorealistischer Manier: Badende an einem gleissenden Sommertag, Lichtkegel auf nächtlicher Autobahn. Er gestaltet abstrakte Farbräume mit spiegelnden Lackfarben oder in geheimnisvoll glimmender Eitempera. Die Schau ‹Sinnesreize› im Kunstmuseum Bern präsentiert das Paar in einer eindrucksvollen Doppelretrospektive.


Silvia Gertsch und Xerxes Ach - Zwei Solisten beim Pas de deux


von: Alice Henkes

  
links: Xerxes Ach · Cosmic Light, 2015, Eitempera auf Baumwolle, 150x150 cm. Foto: Markus Mühlheim
rechts: Silvia Gertsch · Movie, 2000, Öl hinter Glas, Lack auf Glas, 77x119 cm, Kunstmuseum Bern, erworben mit Mitteln der Bernischen Kunstgesellschaft, Courtesy Galerie Monica de Cardenas


Die Bilder von Badeseen der Malerin Silvia Gertsch wirken so licht- und lebensvoll, dass man glaubt, das Lachen der Kinder, das Spritzen des Wassers zu hören. Da sind die bunten Badeanzüge und Bikinis, die grünen Wiesen, das vielfarbige Blau von Himmel und Wasser - und vor allem das Licht. Das feierliche, sommerliche Gleissen, das durch die Äste der Bäume strahlt, die Figuren wie eine Aura umgibt und manchmal als reines Weiss grosse Flächen des Bildes füllt. Das Licht, das doch eigentlich das Sehen erst möglich, das Bild erst sichtbar macht, verschlingt den Bildraum.
Den Sommerbildern von Gertsch gegenüber hängen monochrome Arbeiten von Xerxes Ach. Mit Polyurethan-Lack auf Aluminium gemalt, bieten sie vordergründig ­eine glänzende, eine spiegelnde Oberfläche, auf der das Licht ebenso spielt wie die Schatten des Raums und der Besuchenden. Ihr wesentliches Medium sind die Farben: Ein Türkisblau so frisch wie kühles Wasser, ein Orangerot, das den Ton einer Badehose aus den Malereien von Gertsch aufzunehmen, zu verselbständigen und weiterzuführen scheint.
Diese und andere Gegenüberstellungen in der Ausstellung ‹Sinnesreize› im Kunstmuseum Bern zeigen, wie nah die beiden Kunstschaffenden einander in ihrem Suchen, in ihrer Arbeit mit Licht und Farbe sind, so unterschiedlich ihre Werke auch sein mögen. Die von Kathleen Bühler mit genauem Blick und grossem Feingefühl eingerichtete Doppelretrospektive würdigt das ungewöhnliche Künstlerpaar und vollzieht wichtige Schritte der gemeinsamen und doch immer eigenständigen Entwicklung nach. Wie nah sie einander in ihren Arbeiten kommen, überrascht sogar das Künstlerpaar, das schon oft gemeinsam ausgestellt hat. «Es wirkt so, als sei es abgesprochen», sagt Gertsch, «aber wir sprechen nicht viel, wenn wir arbeiten.»

Auf Abstand

Die Schau beginnt mit Arbeiten aus den frühen Neunzigerjahren. Der Maler Xerxes Ach hat damals bereits zu seinem minimalistischen Stil gefunden und experimentiert mit Techniken und Präsentationsformen. Er arbeitet mit Lack und Kunstharz auf Packpapier. Seine grossformatige Serie ‹Teile›, 1995, besteht aus Kunstharz-Bildern in der Grösse von je 200x125 cm, die an die Wand gelehnt werden, um das Licht einzufangen und die Spiegelungen der Vorübergehenden, die schemenhaft und verlockend ungreifbar bleiben.
Ungreifbar und entrückt wirken auch die Selbstbildnisse von Silvia Gertsch in der 1990 entstandenen Serie ‹27ICH›. Die in einer aufwendigen Technik - nach einer Serie von Automatenfotos - mit Acryl hinter Glas gemalten Bilder können als künstlerische Selbstsuche der Tochter von Franz Gertsch gesehen werden. Nicht nur die Glasscheibe erzeugt Distanz. Die abstrahierte Malweise, der kühle, bläuliche Ton, die Augen der Porträtierten, auf vielen Bildern verweigernd geschlossen, zeigen, dass hier eine malt, die auf Abgrenzung bedacht ist, die sich entzieht.
Das ist etwas, das bis heute all ihren Werken innewohnt: Dieses unfassbare ­Etwas, das sich dem Zugriff, gar dem Benennen entzieht. Das gleissende Glück eines Sommertags, der sich nicht einfangen lässt, der kurze Moment, in dem das Spätnachmittagslicht die Berner Lauben vergoldet. In den Bildern, die sie malt, fängt Gertsch ­Momente hoher Lebensintensität ein und man spürt, dass es nicht die Badenden sind, die sie wirklich faszinieren, oder die Abendspaziergänger, sondern das reine Licht selbst. So wie Ach die reine Farbe sucht. Er arbeitet, indem er zahllose Farbschichten pro Bild aufträgt. Mitte der Neunzigerjahre beginnt er, seine Malgründe, Platten aus 0,5 mm dickem Alublech, zu zerdrücken und zu zerknautschen. So entstehen reliefartige Oberflächen mit bewegten Farblandschaften. An den Kanten, Kniffen, Wölbungen schimmern tiefer liegende Farbschichten durch. Die Bilder erzeugen so eine verheissungsvolle Ahnung, dass mehr in ihnen steckt, als von aussen mit Blicken zu erfassen ist.

Nachtschicht
So unterschiedlich ihre Arbeitsweisen sind, so teilt das Künstlerpaar doch seit 25 Jahren Leben und Arbeitsraum. Als sie sich 1992 kennenlernten, malten sie in ­einem 30 m² kleinen Atelier Rücken an Rücken. Sie streiften durch Zürich oder fuhren auf der Autobahn und filmten das gespenstische Lichterspiel der Scheinwerferkegel im Nebel. Ungewöhnliche, dramatische Lichtsituationen wie diese sind es, welche die junge Malerin interessieren: Kunstlicht bei Nacht ebenso wie starkes Gegenlicht, das Personen und Objekte in dunkle Schemen verwandelt. Die auf nächtlichen Autobahnen geschossenen Aufnahmen dienten Gertsch als Vorlage für ihre Bildserie ‹Movie›. Pro Nacht entstand ein Bild. Acrylfarbe trocknet sehr schnell. Später wechselte Gertsch zu Ölfarben, die ein langsameres Arbeiten erlauben.
Auch Ach bedient sich fotografischer Vorlagen , wiewohl das in seinem Werk nicht so direkt sichtbar ist wie bei Gertsch. Er sammelt Bilder aus Zeitschriften und Bildbänden. Dabei sind es vor allem Farben und durch sie erzeugte Stimmungen, die ihn ansprechen. Ihn interessiert, wie Farben sich durch Lichteinwirkung, durch Materialien und Oberflächenstrukturen verändern.
Von den glänzenden Lackfarben, die er in seinen frühen Arbeiten gebraucht hat, wendet er sich um die Jahrtausendwende ab. Er beginnt mit matter Eitempera zu ­arbeiten, die er in Schichten auf Baumwolle aufträgt, dabei immer von einer schwarzen Grundierung ausgehend. Die Bilder scheinen von innen heraus zu leuchten. Im Gegensatz zu frühen Arbeiten zeigen sie keine monochromen Flächen mehr, sondern wolkige Strukturen, die wie eingefrorene Bewegungen wirken. Dabei werden verschiedene Farbschichten erahnbar. Die Blicke wandern dem Licht nach über die Gemälde mit Tiefensog.
Den dunkleren, verhalteneren Tempera-Arbeiten von Ach entsprechen wärmere, ruhigere Lichtstimmungen in den Bildern von Gertsch. Nach greller Sommersonne und kaltem Kunstlicht wendet die Künstlerin sich dem rötlich satten Schein des ­frühen Abends zu. In der Berner Altstadt und neuerdings auch in der menschenleeren Natur findet sie dieses weiche Leuchten, das sie in einigen Bildern mit einem Goldton umsetzt, der, seit die Kunst die Kirchen verlassen hat, nurmehr selten in der Malerei zu sehen ist.
Einen Einblick in die Arbeitsweise des heute in Rüschegg lebenden Paars gibt ein sensibler Dokumentarfilm von Roger Haas und Garrick J. Lauterbach, der in der Ausstellung zu sehen ist.
Alice Henkes (*1967, Hannover) lebt in Biel, Studium der Germanistik und Soziologie, arbeitet als Kultur­redaktorin für das ‹Bieler Tagblatt› und als freie Kunstkritikerin und Kuratorin. alice.henkes@bluewin.ch

Bis: 21.02.2016


‹Silvia Gertsch, Xerxes Ach-Sinnesreize›, Redaktion Kathleen Bühler, Sarah Merten, Kunstmuseum Bern, Scheidegger & Spiess; ‹Alles was wir sahen›, Film und Edition Silvia Gertsch/Xerxes Ach, Hg. oS/oL




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Ausgabe 12  2015
Ausstellungen Xerxes Ach, Silvia Gertsch [23.10.15-21.02.16]
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Xerxes Ach
Künstler/in Silvia Gertsch
Link http://www.osol.ch
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