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Fokus
12.2015


 Die Kunsthalle Bern hatte oft Vorreiterfunktion. In Bezug auf die Gleichberechtigung bei der Besetzung der Direktion ist sie jedoch ein Spätzünder. Da waren andere Institutionen und jüngst die Kunsthalle Basel mit der Ernennung Elena Filipovics schneller. Im April wurde Valérie Knoll zur Leiterin der Kunsthalle Bern gewählt. Kurz nach der Eröffnung ihrer zweiten Ausstellung spricht sie über ihre Erfahrungen im ersten Halbjahr und über das, was sie auf dem Weg zum 100. Geburtstag der traditionsreichen Institution 2018 umsetzten möchte.


Valérie Knoll - Wichtigkeiten, Nichtigkeiten, Prioritäten


von: Stefanie Manthey

  
links: Yannic Joray · Hallo aus dem Hinterhalt, 2015, Raw and Delirious, Installationsansicht Kunsthalle Bern
rechts: Mathis Altmann · Sucker Farm (The Convention), 2015; Marlie Mul · ‘Ug', ‘Duh', ‘Muh', ‘Bam Bam', 2015, Raw and Delirious, Installationsansicht Kunsthalle Bern


Das Angebot, als Leiterin der Halle für Kunst nach Lüneburg zu gehen, kam 2010, und die Chance, in diesem international bekannten Mini-Kunstverein mit zwanzigjähriger Geschichte, in dem man mit wenig Budget und kaum Ressourcen ausser den eigenen Ideen eine grosse Freiheit hat, ein Programm zu realisieren und auch einmal zu scheitern, «das war damals genau richtig für mich». Richtig, weil sie über die Jahre festgestellt hatte, dass das Schreiben nicht der Kern dessen war, was sie wollte: «Ich wünschte mir einen direkteren Umgang mit den Kunstschaffenden und deren Arbeit.»
Fünf Jahre hat Knoll im Kunstverein, parallel zu einer Stelle an der Leuphana Universität Lüneburg, zunächst im Tandem mit Hannes Loichinger, dann Stefanie Kleefeld, Programm gemacht. Es umfasste Veranstaltungsreihen, Einzel- und Gruppenausstellungen. In ‹Coming of Age for Ages› (co-kuratiert mit Cornelia Kastelan, Lüneburg) lieferte unter anderem das Kippenberger'sche Diktum «Mit der Pubertät zum Erfolg» das Stichwort, um kuratorischen und künstlerischen Vorgehensweisen auf den Zahn zu fühlen und zu fragen, was es mit Humor und dem nicht immer erwachsenen Handeln als Ansatz auf sich hat.
Im Wissen um das zermürbende Mantra der Ausbeutungskultur wurde der jährliche finanzielle Nullpunkt Normalität, Anträgeschreiben und weites Vorausdenken ebenso Notwendigkeit wie Routine. Das Auslaufen des Vertrags an der Uni, der auch das Leben und Überleben sicherte, markierte den Moment des Absprungs: «Unter solchen Bedingungen auf Dauer zu arbeiten, ist schwierig.» Aus dieser Situation heraus beobachtete Knoll die personellen Fluktuationen an den Kunsthallen und schickte ihr Bewerbungsdossier nach Bern. Es ging dabei um viel: «Ich habe alles auf eine Karte gesetzt und mich dann hineingestürzt. Da ist die Geschichte der Kunsthalle und da ist ihre Architektur, einzigartig von aussen wie von innen. Sie ist ein Juwel und eigenartig in ihrer Tempelhaftigkeit. Das seltsam Museale, in dem man dennoch zeitgenössisch arbeiten kann, hat mir schon immer enorm gefallen. Für Künstler sind diese Räume fantastisch, aber auch herausfordernd. Zudem hatte ich den Eindruck, dass man in Bern noch etwas tun kann. Nach dem mehrstufigen Bewerbungsverfahren hat es dann geklappt. Das ist ein grosses Privileg, eine Verantwortung.»

Programmgestaltung und Archiv
Das Vertrauen und die Begeisterung derjenigen, die sich für sie und ihr bisweilen sperriges Programm entschieden haben, zeigt, dass ihre Energie und ihr hundertprozentiges Engagement wahrgenommen werden. «Hier spüre ich eine Neugierde gepaart mit einer freundlichen Skepsis. Das soll auch so sein. Nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, Affirmation - oder das Gegenteil, dass man schon Bilanz gezogen und sich abgewendet hat. Manche verfolgen seit Jahrzehnten, was hier los ist. Manche haben Mühe mit den Veränderungen. Es kann ja auch schnell passieren, dass man denkt, die zeitgenössische Kunst tritt auf der Stelle, früher war alles besser.»
Das «Gestern» der Kunsthalle spiegelt das bald über hundert Jahre gewachsene und sorgfältig vor Ort gelagerte Archiv. Bis dato sind daraus zwei Publikationen in Co-Autorenschaft von Jean-Christophe Ammann und Harald Szeemann sowie Hans Rudolf Reust entstanden, vorläufiger Schlusspunkt ist das Jahr 1993. Dieses Archiv möchte Knoll aktivieren. In projektbezogenen Kooperationen mit Hochschulen in Form von Praxisseminaren will sie Praktikantenstellen mit Schwerpunkthema Archiv ausschreiben und Kunstschaffende, die sich dafür interessieren, nach Bern einladen.
Für das erste Experiment konfrontierte Knoll Studierende mit Dokumenten und Relikten der mit 17'088 Personen meistbesuchten Ausstellung der Kunsthalle Bern: ‹Science Fiction›, 1967, kuratiert von Harald Szeemann - erfolgreicher als die ‹12 Environments› anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums 1968 oder die legendäre Schau ‹When Attitudes Become Form›, 1969. Unter der Leitung der Kunsthistorikerin Kerstin Skrobanek sind die Studierenden gefordert, aus ihren Recherchen eine kluge Ein-Raum-Ausstellung zu entwickeln, die parallel zu der mit grosser Wahrscheinlichkeit gut besuchten Cantonale im Dezember stattfinden wird.

Erste Halbzeit und beyond
Das Programm, mit dem Knoll gestartet ist, folgt partiell einer Choreografie der Entleerung. «Die erste Gruppenausstellung ‹Raw and Delirious›, bei der ich Künstlerinnen und Künstler gezeigt habe, deren Arbeit ich teils schon gut kannte, war voll, die aktuelle Ausstellung zu Merlin Carpenter (KB 11/2015, S. 86-87) ist reduzierter, im November gibt es gar keine Ausstellung. Das ist eine Konsequenz aus dem Thema der zehntägigen Veranstaltungsreihe ‹Open-Ended Issues›, einer Reihe unter anderem zum Thema Überproduktion in der zeitgenössischen Kunst, die ich zusammen mit dem Kunsthistoriker Hannes Loichinger entwickelt habe. Es ist ein Innehalten in dem Sinn: Jetzt gibt es für einmal keine Ausstellung, sondern Reflexion. Doch trotz der Behauptung einer Überproduktion machen auch wir weiter mit der Produktion. Es geht nicht darum, uns abzuheben, eher darum, sich Zustände und Entwicklungen anzuschauen und Perspektiven zu diskutieren. Das kann auch Vergnügen bereiten.»
Knoll hat ein feines Gespür, Verschiedenes zu kombinieren und so neue Anschlussstellen zu wiederkehrenden Themen freizulegen: «Diese Mischung muss sein: Ich will nicht nur etwas von aussen hereinholen, ich will ja auch wissen, was hier los ist. Das ist ein langsamer Prozess. Ich habe auch vor, mit interessanten Institutionen vor Ort zusammenzuarbeiten, zum Beispiel dem Kino Rex Bern, vormals Kino Kunstmuseum Bern, das gerade umgezogen ist. Wir sind auf Steven Cairns, der als Filmkurator am Londoner ICA tätig ist, mit der Frage zugegangen, wie sich Zukunftsmodelle in verschiedenen Filmgenres manifestieren, und haben ihn eingeladen, ein zweiteiliges Science-Fiction-Filmprogramm zusammenzustellen. [...] Als Nächstes folgt nun eine Einzelausstellung mit Wolfgang Breuer, der vor allem mit Fotografie und Installation arbeitet, sozioethnografische Beobachtungen im öffentlichen Raum anstellt, die impliziten Inhalte verpackt rüberbringt und auf interessante Weise mit Innen- und Aussenräumen umgeht. Dabei tauchen Themen wie Fahrrad-Kleinkriminalität und Housing Crisis am Beispiel London auf. Und es gibt auch den ‹Partyinhalt›, wie es Breuer nennt.»
So wird es am 3. und 4. Dezember einen Bazar geben, in dem ausgewählte Kataloge, Plakate und Editionen der Kunsthalle Bern gezeigt und verkauft werden, deren Erlös in die Archivaufarbeitung fliessen wird. Zudem soll der Bazar auch Gästen eine Plattform bieten, die Kleinverlage betreiben oder sonst mit Büchern zu tun haben.

Haltungsfragen
«Die Mitte der Neunzigerjahre gegründete und noch wenig gezeigte Sammlung der Stiftung der Kunsthalle Bern, die Werke aus den Ausstellungen ankauft und dem Kunstmuseum Bern sowie anderen Institutionen zur Verfügung stellt, finde ich für die Künstler wichtig. Es freut mich, zu wissen, dass es die Möglichkeit gibt, ihre ­Arbeiten dieser Sammlung zu übergeben.» Knoll nimmt sich Zeit für den Neuanfang: «Ich finde es immer schwierig, zu kommen und sogleich alles zu ändern. Wir, das sind Hit-Studio und ich, versuchen, die visuelle Identität weich und langsam anzugehen. Das ist vielleicht auch so eine Verweigerungshaltung. Heute muss alles schnell gehen. Gleichzeitig wird alles gepostet. Die Eröffnung ist noch am Laufen und es gibt schon Bilder im Internet. Nein, bei uns sollen die Leute vorbeikommen, es werden anfangs wenige Bilder aufgeschaltet und wenn die Ausstellung vorbei ist, folgen Archivfotos. Ich finde es reizvoller, wenn es eine Spannung gibt, ein Geheimnis.»
Mit dem Stellenantritt in Bern ist Knoll ein Abenteuer eingegangen. Sie gestaltet es mit dem Erfahrungsschatz aus früheren Engagements und mit vollem Einsatz für die Kunsthalle Bern als «dynamischen Ort, der sich bei jeder Ausstellung neu verwirklicht», mit Luft für morgen und ausreichend Substanz oder kalkulierter Leere, um im Vergleich mit der Qualität des bereits Erreichten nicht hinterherzuhinken.
«Man gerät schnell ins Reproduzieren. Es kommt vieles von aussen. Man muss versuchen, bei sich zu bleiben und zugleich ein Gespür für die Erwartungen und Resonanzen der verschiedenen Öffentlichkeiten zu haben. Man muss immer wieder beobachten, was man da eigentlich tut. Was will ich wirklich? Man muss sich immer wieder fragen: Was hat eine Relevanz, was ist jetzt wichtig? Mir ist wichtig, dass die Leute gerne in die Kunsthalle kommen, dass etwas passiert, von dem sie sich angesprochen fühlen, was sie aber in einer Art herausfordert, wie dies woanders nicht geschieht.»
Stefanie Manthey, Kunsthistorikerin, Kunstvermittlerin im Team des Schaulagers Basel, Mitarbeiterin bei Herzog & de Meuron. stefaniemanthey@gmail.com

Bis: 24.01.2016


Valérie Knoll (*1978, Basel)
Studium Kunstwissenschaft, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Europäische Ethnologie/
Kulturwissenschaft an den Universitäten Basel und Wien
Tätigkeiten u.a. im Migros Museum für Gegenwartskunst Zürich, freymond-guth Ltd. fine arts, Zürich
und für Artforum International
2010-2012 Co-Leitung Halle für Kunst Lüneburg mit Hannes Loichinger
2012-2015 Co-Leitung Halle für Kunst Lüneburg mit Stefanie Kleefeld
2011-2015 Kuratorin, wissenschaftliche Mitarbeiterin Projekt KIM, Leuphana Universität Lüneburg



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Ausgabe 12  2015
Ausstellungen Cantonale Berne Jura 2015/16 [13.12.15-24.01.16]
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Stefanie Manthey
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