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Fokus
12.2015


 Was ist fremd, was ist eigen, wo verlaufen die Grenzen zwischen dem, was als normal oder als ungewöhnlich - zugespitzt abnormal - erachtet wird? Mit einem reduzierenden Kunstbegriff wird man der Basler Künstlerin Sandra Knecht nicht gerecht. Sie setzt auf Komplexität, Rückzug bei gleichzeitiger Öffnung, und prononciert das Unorthodoxe im Gewöhnlichen.


Sandra Knecht - Die Verklärung des Ungewöhnlichen


von: Stefan Wagner

  
links: Chnächt, Restaurant Klybeckareal Basel, 2015
rechts: Und oben sitzt ein Affe, 2013, Videostills


So, da steht also der Teller mit dem Hamburger vor einem. Gemütlich sitzt man auf der Brache, dort, wo die Ideen der Basler Stadtentwicklung spriessen und Kreativität zum Imperativ gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderung kondensiert, und kommt ins Grübeln. Könnte man in diesem Moment stiller Einkehr vor dem Pressfleischmahl behaupten, dass der langsam erkaltende Hamburger Kunst sei? Schliesslich wurde er von der Künstlerin Sandra Knecht geformt. Was genau würde den Bratling einer Fastfoodkette von einem unterscheiden, der tatsächlich Kunst ist? Welche Attribute müsste man diesem Kunst-Burger zuordnen, welche Bedingungen müssten erfüllt sein, um ihn als Kunstwerk zu bezeichnen?
Für den Philosophen Arthur C. Danto wäre es ein Leichtes gewesen, eine Unterscheidung einzuführen. In seiner Kunstphilosophie, die er mit ‹Die Verklärung des Gewöhnlichen› überschrieb, erkannte er in der Struktur des Kunstwerks eine Metapher, eine sprachliche Umformulierung, die über das alleinig Materielle hinausweist und zu einer institutionellen Adelung durch den Ausstellungsraum führt. Das Kunstwerk transzendiere, es verweise über sich hinaus auf eine weitere Bedeutung, die Kunst. Doch so einfach diese Geschichte daherkommt, Danto wusste es, die Philosophie hinkt der Kunst hinterher. Und das ist gut so, denn sonst wäre die Kunst eine Illustration der Philosophie und das Kunstwerk ein Objekt der Philosophie.

Ästhetisierung des Alltags
Esswaren in Kunstwerke zu verwandeln, ist in der Kunstgeschichte keine Neuheit. Man erinnert sich an Dieter Roths Schimmelschokolade oder Daniel Spörris Fress­gelage aus den Sechzigerjahren sowie Rirkrit Tiravanijas Kochsitzungen als Kittmittel für soziale Bindungen. Heute, das ist wohl eine gesellschaftliche und ökonomische Wende, ist unser Essen mit ganz anderen Themen behaftet. Starköche servieren Fastfood, die Grenzen zwischen High und Low sind verschoben, ein kultureller und damit verbundener sozialer Aufstieg stellt sich nicht mehr durch die Wahl der Mahlzeit ein. Dies könnte damit zusammenhängen, dass wir in eine Epoche eingetreten sind, in der Ästhetisierungsprozesse alle Bereich des Lebens erfassen, wie es der ­Soziologe Andreas Reckwitz feststellte. Alles wird zur Kunst. Arthur C. Dantos Theorie der Verklärung des Gewöhnlichen erledigt sich dadurch von selbst.
Die Künstlerin Sandra Knecht geht hier ihren eigenen Weg, pflügt sich durch die Wellen ästhetischer Aufwertungen. Für sie ist Essen ein Untersuchungsgegenstand, der auftaucht, um Fragen der Identität zu stellen. Nicht das Essen ist das Kunstobjekt, sondern die ästhetische Erfahrung bei dessen Genuss. Das hat einen performativen und aktivistischen Charakter. Eine bedeutende Rolle spielt auch die Inszenierung des Essens, wie man an ihren Posts auf Facebook erkennt. Wir leben in einer Zeit des Foodporn, der totalen Ästhetisierung von Nahrungsmitteln bei deren gleichzeitiger Industrialisierung, die zur Reduktion der Geschmacksvielfalt und zur Normierung führt. Die Verknüpfung von Essen und Identität beschäftigt die Künstlerin aber nicht nur hinsichtlich der blossen Nahrung. Seit Jahren verfasst Knecht zudem Facebook-Beiträge, Aufnahmen von Landschaften, Menschen und ihrer Heimat. Sie tangiert damit alle Bereiche, die durch die Globalisierung ins Rutschen gekommen sind, die ökonomisiert werden und nicht wenige in einen Neo-Nationalismus treiben.
Knecht verkocht beispielsweise das Fleisch älterer Kühe oder auch von Jägern erlegter Wildtiere und serviert Menüs im eigens entworfenen und gebauten Restaurant. Die mit weissen Glühbirnen geschriebene Schrift ‹Chnächt› - Dialekt für Knecht-, so heisst das Restaurant, wirft warmes Licht auf die Umgebung des Restaurants und zaubert theatralische Züge auf die Brache.

Gefühl der Verlorenheit
Knecht liebt Inszenierungen, lässt ein Gefühl der Verlorenheit auf der Brache entstehen. Sie betont in Gesprächen immer wieder, dass Fremdsein in der eigenen Kultur die Heteronormativität zum Verständnis des Selbst erhebt. Als offen bekennende Lesbe stösst sie auch heute noch auf Widerstand, nicht in direkter Ablehnung, sondern in versteckten kleinen Gesten. Aber anstatt in Transgression die eigene ­Sexualität zu überschreiten, in den Exzess abzuschweifen, wiederholt sie das Normale. Das ist gleichzeitig eine Weigerung, sich mit ihrer sexuellen Orientierung ins Private zurückzuziehen oder aber ein heterosexuelles Verständnis von Mainstreamhomosexualität in der Überschreitung von gesellschaftlichen Codes zu perpetuieren. Sie dreht den Spiess einfach um. Was ungewöhnlich ist, verklärt sie, das scheinbar Ungewöhnliche erhebt sich zur Normalität.
Dass ihre Arbeiten oftmals falsch verstanden werden, hat sie bereits auf Facebook erfahren müssen, wo ihr Account wegen Zurschaustellung von Pornografie (angeblich hat die freigelegte Brust eines Mittelaltergemäldes dazu geführt) gesperrt wurde. Social Media entwerfen ein nach Statuten geformtes Bild der User, sie normieren unter sozialem Druck der Teilnehmenden und spiegeln gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse.

Normierungsprozesse und deren Entgegnungen
Knecht hat die Definitionsmacht der Social Media, beispielsweise auf dem Videoportal YouTube im Film ‹Jung Brutal Gutaussehend›, 2011-2014, bereits dargestellt. Im über vier Stunden dauernden Film schnitt sie Szenen aus YouTube-Beiträgen zusammen, die junge Männer in verschiedenen Gewalt- und Kriegsszenen zeigen und so ein Stereotyp herausformen, das für viele westliche junge Männer attraktiv wird, zum Beispiel jene, die für den Islamischen Staat in den Krieg ziehen.
‹Und oben sitzt ein Affe›, 2013, spielt fast schon mit fellinischer Leichtigkeit auf Codes aus Queerfilmen an. Eine Frau öffnet Türen zu Zimmern, die Kamera tritt ein, findet gleichgeschlechtliche Paare beim erotischen Spiel oder bei der Kopulation. Auch das sind Normierungen. Dieser Film hat jedoch nichts mit der gängigen Porno­kultur gemein, die Ästhetik ist eher dem Trash verpflichtet, zeigt Normalität im ­Poetischen anstatt Ideal im Künstlichen, wie man es bei handelsüblichen Pornos vorfindet.
Der ‹Chnächt› geht in der Zwischenzeit in Winterschlaf. Knecht macht sich derweil in den kalten Tagen daran, eine Scheune aus dem Jura für ihr Restaurant nach Basel zu bringen, die bei Bedarf weiterziehen kann. Kulturelle Codes werden auch hier wieder verwendet, um ihren mehrjährigen Themenblock Heimat und Identität weiterzuführen. Wie ein Rhizom entwickelt sich dieses künstlerische Vorhaben weiter, taucht ab und unerwartet an einem neuen Ort wieder auf. Wenn Sandra Knecht die nötige Baubewilligung erhält, werden im Frühjahr 2016 neue Experimente in der Scheune zu entdecken sein. Um das Warten zu überbrücken, sollte man sich mit ihr auf Facebook befreunden. Vielleicht gibt es ja zuvor Gelegenheit, an einem ihrer Essen teilzunehmen. Guten Appetit.
Stefan Wagner ist freier Kunsthistoriker. stefan.h.wagner@gmx


Alle Filme auf der Website der Künstlerin; Infos zu den jeweils einem Tier gewidmeten Events ‹Immer wieder sonntags› ebenfalls auf der Website sowie auf Facebook www.sandraknecht.ch
Sandra Knecht (*1968) lebt in Buus/Baselland
1992-1996 Ausbildung Regie, Theaterakademie Ulm
1996-1999 diverse Regieassistenzen Schaubühne Berlin, Opernhaus Zürich und Gessnerallee Zürich
2014 MA Fine Arts Zürcher Hochschule der Künste

Ausstellungen
2014 ‹i'm going to carolina in my mind›, Kaskadenkondensator, Basel (Einzelausstellung)
2015 Jahresausstellung Kunstkredit und Diplomausstellung des Master of Fine Arts, Kunsthalle Basel; ‹Les Belles de Nuits›, Photobastei Zürich; ‹Das Dreieck der Liebe - Körperlichkeit und Abstraktion in der Zürcher Kunst›, Helmhaus Zürich



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Ausgabe 12  2015
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Sandra Knecht
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