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Ansichten
12.2015


 Mein Ehemann kaufte vor einigen Jahren ein Haus in Upstate New York. Das Gebäude war Teil eines charmanten Landguts aus dem 18. Jahrhundert, mitten im Gebirge, von Tieren ­behaust, von Menschen verlassen. Übergeben wurde es mitsamt den Habseligkeiten des früheren Besitzers.


Ansichten - Das Pathos von Öl, Geld und hochtoupierten Haaren


  
Ölförderung · Anonym, Schwarzweissaufnahmen


Das Haus war vollgestopft mit Dingen. Der ehemalige Besitzer hatte offenbar ­keine Verwandten, die darauf Anspruch erhoben. Vor dem Umbau begannen wir alles zu sortieren - ein faszinierendes Erlebnis, das mir die Person hinter den Dingen unbeabsichtigt näherbrachte. Wir entdeckten zahlreiche Massanzüge (Sacks 5th Ave), Eau de Cologne (Italien), Alkoholika (Cognac, Brandy, Whiskey), Tafelsilber, pornografische Zeichnungen, eine grossartige Büchersammlung sowie Unmengen von Fotos von Pflanzen, Hunden, Partys. Mehr und mehr nahmen mich die Geschichten hinter diesen Dingen gefangen - ebenso wie Gedanken an die Vergänglichkeit, an Ewigkeit und Nichtigkeit. Ich fühlte mich erhaben über die Geschichte und realisierte gleichzeitig, dass ich ihr unterworfen war.
In der riesigen Flut von Bildern fand ich auch Schwarzweissaufnahmen von Industrielandschaften. Sie wirkten leer und gleichzeitig dicht aufgeladen. Wahrscheinlich sind sie in Texas aufgenommen worden, dem Land der grossen Ölfelder, des grossen Gelds, der grossen Autos und der hochtoupierten Haare. Sie erzählten die Geschichte der Ausbeutung natürlicher Ressourcen und zeigten ein breites Spektrum von Öl­förderung, auch Nahaufnahmen auf die aus der Erde quellende Substanz. Auch Porträts von weisshäutigen Arbeitern fanden sich darunter, mit von Öl geschwärzten Gesichtern. In den Fotos steckte etwas ungemein Faszinierendes und Energetisches, etwas, das einen urmenschlichen Trieb offenlegt: den Drang, zu forschen und zu entdecken, die Träume von Reichtum und Fortschritt, das Pathos industrieller Entwicklung, der gnadenlose Griff nach der Zukunft, ohne Furcht vor Konsequenzen.
Diese Bilder liessen mich über den Rausch industrieller Errungenschaften, über unsere Abhängigkeit von Energieressourcen, über die Zeitlichkeit jeder Energiequelle und jedes Lebens nachdenken. Zugleich evozierten sie eine Vielfalt an sozioökonomischen Themen: die Rolle von Energie in der globalen Politik, die mit ihr verbundenen zahllosen internationalen Konflikte, die Massenbewegungen von Flüchtlingen, die Vernichtung von Kulturen, und vielleicht - in einem übergeordneten Sinn - den Kampf um ein ekstatisches Leben hier, jetzt und für immer. Energie - wie sie auf diesen Bildern zu Tage gefördert wird - verspricht das alles und ständig neu.
Ich habe die Fotos von Blumen, Ölfeldern, Hunden, unbekannten Menschen und pornografischen Zeichnungen in Schachteln geschichtet - in der Absicht, sie irgendwann wiederzuentdecken und vielleicht ihren Sinn zu ergründen.
Liutauras Psibiliskis ist Kurator, Künstler und aktuell Gast der ISCP-Studios, New York. me@liutauras.com



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Ausgabe 12  2015
Autor/in Liutaurus Psibiliskis
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