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Besprechung
12.2015


Sabine Rusterholz Petko :  Die Architektur der kürzlich eröffneten Fondazione Prada ist spektakulär. Das vom Stararchitekten Rem Kohlhaas mit Blattgold überzogene architektonische Herzstück des Baukom­plexes überstrahlt die trostlosen Industriebrachen der Umgebung und hinterlässt dennoch einen ambivalenten Schatten.


Milano : Fondazione Prada - Goldener Schein


  
links: Fondazione Prada Milano, 2015, Architekturprojekt von OMA, Courtesy Fondazione Prada. Foto: Bas Princen
rechts: Damien Hirst · Lost Love, 2000, Installationsansicht ‹Trittico›, 2015, kuratiert durch das Thought ­Council (Shumon Basar, Nicholas Cullinan and Cédric Libert), Courtesy Fondazione Prada Milano ©ProLitteris. Foto: Attilio Maranzano


Mailand - Im verschachtelten postindustriellen Campus, in dem einst eine Destillerie untergebracht war, findet sich heute eine kleine, ideale Stadt, in der sich alles um Kunst und Kultur dreht. Alte Industriehallen, neue verglaste Galerien, dunkle ­Kinosäle, betonierte Kellergewölbe, ein Triptychon von drei ehemaligen, monumentalen Zisternen, ein Turm im Rohbau und eine Piazza mit verspiegelter Fassade - dies alles fügt sich zu einem perfekt choreografierten Ensemble, in dem sich Historie und Moderne verbinden und man sich beinahe in einem metaphysischen Raum à la Giorgio de ­Chirico wähnt. Die Aufsichten tragen graue Uniformen von nüchterner Eleganz und Strenge, irgendwo zwischen Klassik und Science Fiction. Und wer ermattet vom aufregenden Parcours eine Erfrischung benötigt, der findet sie in der Bar Luce, der pastellfarbenen Cafeteria, die vom Filmregisseur Wes Anderson in der Grandeur der Fünfzigerjahre entworfen wurde und mit ihrem Kitsch einen perfekten Kontrapunkt setzt.
Miuccia Prada, die Besitzerin und Chefdesignerin des gleichnamigen Modekonzerns, sammelt gemeinsam mit ihrem Ehemann Patrizio Bertelli seit 1993. Seit 2011 wurde die Sammlung bereits in einem venezianischen Palazzo öffentlich gemacht. Der Mailänder Gebäudekomplex zeigt die Sammlung nun in deutlich grösserem Umfang. Inzwischen umfasst sie mehr als 900 Werke, darunter Arbeiten von Carsten Höller, Francesco Vezzoli, Damian Hirst und vielen anderen Schwergewichten des Kunstbetriebs. Die Sammlung wurde zusammen mit dem Kurator und Kunsthistoriker Germano Celant aufgebaut, dem Königsmacher der Arte Povera und heutigen Superintendanten der Fondazione. Die Stiftung verfolgt mit ihren Aktivitäten einen hohen Anspruch. Das «Mission Statement» klingt fast schon utopisch: Literatur, Kino, Musik, Philosophie, Kunst und Wissenschaft sollen sich gegenseitig beflügeln und kulturelle Innovation anstossen. All dies im Geist der Offenheit und der Partizipation.
Im Lebenslauf von Miuccia Prada gibt es viele Stationen, die diese Ausrichtung ­unterstreichen. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften war sie unter anderem Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens. Ihre Yves-Saint-Laurent-Gardero­be hinderte sie nicht am Verteilen von Flugblättern. Zudem studierte sie in einem der renommiertesten Theater Italiens, bevor sie 1978 ihren Platz im Familienunternehmen einnahm. In der Beschäftigung mit Kunst betont sie ihren Zugang über Intuition, Subjektivität und einen Touch Exzentrik. Sie sieht sich eher als Freundin und Partnerin der Kunstschaffenden denn als traditionelle Sammlerin und Mäzenin. Dennoch ist ihr Einfluss in der Kunstszene kaum zu überschätzen. Das Ehepaar Bertelli/Prada ­gehört zu den Top Ten der Privatvermögenden Italiens. Im hoch verschuldeten Land, das in den letzten Jahren eine schwere Wirtschaftskrise durchlebte und aktuell stark von Flüchtlingsströmen betroffen ist, sind öffentliche Gelder für Gegenwartskunst rar. Bis zur Eröffnung des von Zaha Hadid erbauten MAXXI in Rom 2009 war Italien eines der wenigen Länder ohne eigenes Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst. ­Ungleich grössere Strahlkraft haben die privaten Sammlungen, unter denen sich einige Modelabels wie die Fondazione Nicola Trussardi in Mailand oder die Pinault Collection in Venedig tummeln. Denselben Besitzer/innen gehören auch die Modehäuser Gucci, Saint Laurent Paris, Alexander McQueen, Stella McCartney und Balenciaga.
In diesem Reigen der Superlative, zu dem auch die Fondation Louis Vuitton in Paris gehört, verlaufen die Trennlinien zwischen Kunst und Kommerz unterschiedlich scharf. Es scheint ein Anliegen der Fondazione Prada zu sein, sich hier abzuheben. Mit ihrer «Corporate Culture» geht es ihr nicht um die kulturelle Veredelung eines kommerziellen Labels, sondern um die Weiterentwicklung von Ideen, die sich in Kunst und Kultur ausdrücken. Dennoch ist das Resultat nicht frei von Ambivalenz. Der immense finanzielle Aufwand ist omnipräsent, obwohl - nach Aussagen von Rem Kohlhaas - das Vergolden eigentlich eine «billige» Variante der Fassadengestaltung gewesen sei. Im goldenen Schein erstrahlen indes nicht nur die Künstlerinnen und Künstler, sondern auch die Architekten, Kuratoren und nicht zuletzt die Marke Prada.
Ob die Fondazione Prada die gewählte Flughöhe erreichen kann, wird sich erst noch zeigen. Die ersten Ausstellungen wirkten erstaunlich anekdotisch und erschienen neben dem architektonischen Meisterwerk fast etwas marginal. Für die Zukunft ist die ganze Bandbreite an Formaten geplant, vorwiegend mit Sammlungsbezug: Im Dialog zwischen Miuccia Prada und Germano Celant entstehen Ausstellungen, Themenschauen von Gastkurator/innen oder Handverlesenes vom vierköpfigen «Thought Council», darunter auch Leihgaben aus anderen Institutionen. Auch Einzelpräsentationen sind geplant, aktuell von Gianni Piacentino, dessen Werk in der Arte Povera wurzelt und zwischen Pop und Minimal changiert. Permanente Installationen von Robert Gober und Louise Bourgeois im vergoldeten ‹Haunted House› sowie Thomas Demands Grottenprojekt flankieren die Wechselschauen. Parallel dazu finden Performances, Konferenzen und Kinovorstellungen statt. In Bau ist noch ein Turm, der ein Restaurant und zusätzliche Ausstellungsfläche beheimaten wird.
Bei aller Faszination drängen sich Fragen nach den kulturpolitischen Auswirkungen solcher Institutionen auf, die neue Standards setzen und der Kunstwelt immer stärker ihren Stempel aufdrücken. Welche Chance haben daneben öffentliche Häuser und kleinere Initiativen, die mit einem Bruchteil des Budgets auskommen müssen? Und erleben wir an solchen Orten noch überraschend Neues oder begegnen wir nur arrivierten Blockbustern? Der goldene Schein des Hauptgebäudes hat das Potenzial zum Leuchtturm, die Fondazione Prada könnte aber auch Schattenspenderin für andere Kulturinstitutionen werden.

Bis: 10.01.2016



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Ausgabe 12  2015
Ausstellungen An Introduction [09.05.15-10.01.16]
Institutionen Fondazione Prada [Milano/Italien]
Autor/in Sabine Rusterholz Petko
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