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Besprechung
12.2015


Katharina Holderegger Rossier :  Von Kindsbeinen an war Friedrich Dürrenmatt mit dem Kosmos beschäftigt und grübelte nach über Anfang und Ende, Herkunft und Schicksal des Menschen. Rund um dessen Werke lotet nun der Multimediakünstler Sébastien Verdon unsere Wahrnehmung des Himmels im Hier und Jetzt aus.


Neuchâtel : Sébastien Verdon - Totale Illusionen und perfekte Modelle


  
Sébastien Verdon · Ciels, 2015, Ausstellungsansicht Centre Dürrenmatt Neuchâtel


Im Rahmen des Festivals ‹Hospice de Mille-Cuisses› des CAN hat der in Neuchâtel lebende Sébastien Verdon (*1979, Stuttgart) eine sehr diskrete Intervention realisiert. So strich er in den ehemaligen Schlachthöfen ausserhalb der Stadt eine zum See schauende Gebäudewand in einer lichtempfindlichen Farbe und liess aus allen Ritzen und Rändern des Betonbodens darum herum mittels Samenbomben Kapuzinerkresse und Hundskamille spriessen. Und genauso dezent und effizient wirkt auch seine erste museale Einzelschau hierzulande, die nun im Centre Dürrenmatt Neuchâtel hoch über der Stadt läuft, im Rahmen nämlich der seit 2012 sporadisch an Nachwuchstalente vergebenen ‹Cartes blanches› zu Kernthemen des 1990 verstorbenen Schriftstellers, Malers und Zeichners Friedrich Dürrenmatt.
Indem Verdon den Mario-Botta-Bau in ein Observatorium verwandelt, führt er uns auf die zwangsläufige Schneide zwischen Erkennen, Vorstellen und Darstellen, wenn es um so grosse Räume wie den Kosmos geht. Schwarzweisse Inkjetprints, die uns Verdon als Fotos von geheimnisvoll im All schwebenden, extrasolaren Planeten mit rätselhaften Reliefs und lateinischen Namen wie ‹Cucumis melo› und ‹Mara Kuya› vorführt, entpuppen sich bspw. plötzlich als Scans von Wassermelonen und Pas­sionsfrüchten, wie wir sie manchmal spontan zur Hand nehmen, wenn wir Kindern das Sonnensystem erklären. Umgekehrt führen die Linien, die er spiralförmig mit einem weichen Bleistift von allen Seiten zur Mitte eines riesigen Papiers hin gezeichnet hat, so dass es sich dort zu wölben beginnt, effektiv zu so etwas wie einem Schwarzen Loch, wenn auch nur in Kleinformat. Auch Acrylmalereien, Polyurethanskulpturen, in Wasser schwimmende Kristallplaneten und auf Tücher geworfene Himmelsvideos führen immer wieder zu solch kosmischen und zugleich erdenden Aha-Erlebnissen.
Wunderbar verweist darüber hinaus ein im Web unter bridgemuseum.net/skynow abrufbares Werk auf das extreme Oszillieren der Phänomene im Kosmos zwischen ­Realitäten und Metaphern. So kommen dort die Aufnahmen an, die der Künstler durch rund 100 Hashtags wie ‹Stern›, ‹Planet›, ‹Himmel›, ‹Wolke› aus den Posts auf instagram.com filtert. Mal Filmgrössen, mal Arschbacken, mal Sternkarten, mal Hochzeitspaare zeigend, lassen sie die schier grenzenlose Bedeutungsvielfalt der Begriffe erkennen, mit denen wir das bezeichnen, was über uns liegt.

Bis: 28.02.2016



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Ausgabe 12  2015
Ausstellungen Sebastien Verdon [20.09.15-28.02.16]
Institutionen Centre Dürrenmatt [Neuchâtel/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Sebastien Verdon
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