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Besprechung
12.2015


Deborah Keller :  Im Rahmen des Zurich Art Prize zeigt die Wahlschweizerin ­Latifa Echakhch im Haus Konstruktiv eine raumgreifende Installation. Diese lässt nachdenken über medial vermittelte Realitäten und geschürte Ängste im Zusammenhang mit der aktuellen weltweiten Flüchtlingskrise.


Zürich : Latifa Echakhch - Entkleidung des «grossen Anderen»


  
Latifa Echakhch · Screen Shot, 2015, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv. Foto: Stefan Altenburger


Kunst offenbart Alltägliches zuweilen aus neuem Blickwinkel. Ein heute gängiger Ausdruck wie «Screen Shot» kann unheimlich werden, wenn er auf einem Ausstellungsplakat vor schwarz triefender Kleidung titelt. «Shot» hallt in unseren Ohren plötzlich als Inbegriff von Gewalt wider und lässt die dunklen Rinnsale, welche die Kleider auf den weissen «Screens» hinterlassen, als Blutspuren denken.
Latifa Echakhch (*1974, El Khnansa, Marokko) kündigt ihre Ausstellung im Museum Haus Konstruktiv mit einem starken Bild an, das noch eindringlicher wird, wenn man weiss, dass es vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingskrise entstand. Die heute in Martigny lebende Künstlerin ist in den letzten Jahren international bekannt geworden für minimal anmutende Installationen, die gesellschaftspolitische Gegebenheiten, kollektive Vergangenheit und Erinnerung sowie Fragen der Identität prägnant visualisieren. Dafür wird sie nun mit dem Zurich Art Prize geehrt - einer 2007 vom Haus Konstruktiv und von der Zurich Insurance Group lancierten Auszeichnung.
Unter dem Eindruck des Werbeplakats erscheint Echakhchs titelgebende Arbeit im ersten Obergeschoss zunächst überraschend ästhetisch. Ein gutes Dutzend leinwandbespannter Paravents ist labyrinthartig im Raum errichtet und mit Kleidern behängt, die in schwarze Tinte getaucht wurden. Die malerische Qualität der Tropfspuren drängt sich dem kunstbeflissenen Auge unweigerlich auf. Mäandernd zwischen den Stellwänden wird man dann der etwas inszeniert wirkenden, gespenstischen Atmosphäre gewahr, die von den scheinbar fluchtartig zurückgelassenen schwarzen Hosen, Hemden und Pullis ausgeht. Der «Screen Shot» als medial vermitteltes Bild der derzeitigen Völkerwanderung gewinnt in Gedanken wieder Kontur. Im Zusammenspiel der Exponate zeigt sich die Theatralik schliesslich als schlüssiges Instrument, das Projektionsflächen - «Screens» für Wünsche und Ängste - entlarvt und dekonstruiert: Im Erdgeschoss stürzt ein naiv anmutender Wölkchenhimmel in Form eines Bühnenprospekts von der Decke. Er ist umringt von grossen Figuren, sogennanten «Géants» aus der romanischen Volkstradition. Auf Festprozessionen verkörpern sie historische oder fiktive Personen und symbolisieren das gemeinschaftliche Selbstverständnis einer Region. Echakhch lässt sie als «das grosse Andere» auftreten. Die Kleider müssen die fremden Riesen auf der Flucht im ersten Obergeschoss verloren haben, wo die Schutzschirme offensichtlich nicht mehr taugten...

Bis: 31.01.2016



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Ausgabe 12  2015
Ausstellungen Etel Adnan, Latifa Echakhch [09.11.15-31.01.16]
Institutionen Museum Haus Konstruktiv [Zürich/Schweiz]
Autor/in Deborah Keller
Künstler/in Latifa Echakhch
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