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Hinweis
12.2015




Chur : Sennentuntschi


von: Gisela Kuoni

  
links: Sennentuntschi (Sennenpuppe), Holz, Tuch und Haar, 1978 erworben vom letzten Bewohner des Weilers Masciadon, Gemeinde Cauco, Val Calanca Rhätisches Museum
rechts: Klodin Erb und Eliane Rutishauser · Baby, 2003-2006, mehrteilige Arbeit, verschiedene Medien und Materialien Courtesy Bündner Kunstmuseum Chur / Galerie Rotwand, Zürich


Bildende Kunst im Rätischen Museum in Chur? Im Rahmen der Gastspiele des Bündner Kunstmuseums halten Klodin Erb (*1963, Winterthur) und Eliane Rutishauser (1963, Schaffhausen) Zwiesprache mit dem geheimnisvollen Sennentuntschi.
Die Tür ist nur einen Spalt offen - da entdeckt man die sagenumwobene, hölzerne Figur in einer Nische, knapp 40 cm gross, mit Tuch umwickelt und zerzaustem, echtem Frauenhaar auf dem Kopf. Was war ihre Funktion im rauen Sennenleben auf der Alp? Gemalt, fotografiert, als Collage oder Aquarell, auf herkömmlichen Bildern aus dem Brockenhaus, in Gold gerahmt oder schlicht hinter Glas haben sich die beiden Zürcher Künstlerinnen mit der unschuldig unheimlichen, vielleicht auch schuldigen Figur auseinandergesetzt. Die Sage animierte sie zu ihrer Reihe ‹Baby›, die Bilder stammen zumeist aus der Sammlung des Bündner Kunstmuseums. Sie weisen erstaunliche Parallelitäten zur Sennenpuppe auf. Schon die Hängung spiegelt die irrlichternde Situation wider. Nicht linear, sondern wild durcheinander präsentieren sich die kleinen Gemälde an der Wand. Sie zeugen von Angst und Faszination, von Anziehung und Schrecken. Über 120 Sagen ranken sich im Alpenraum um diese Puppe. Einmal mit schwulstigen Lippen, lockenden Gesten und begehrlichen Blicken kokett und verführerisch, dann wieder auf einer Schaukel schwebend, vor sich hin träumend, in Schneelandschaften oder blühenden Wiesen einsam verloren - stets fremd und unergründlich und in immer wechselnden Rollen. Dieser Frauengestalt verleihen Erb und Rutishauser ein seltsam faszinierendes Leben, das zugleich auch schon erloschen scheint. Hans Bellmers Künstlerpuppe wird in einer Publikation lebendig. Auch eine Arbeit von Fischli/Weiss beschäftigte sich schon früh mit der Sagenpuppe aus dem Alpenraum. Ob es diese überhaupt gegeben hat, ob sie eine Erfindung des entbehrungsreichen Sennenlebens war, ob wirklich Unzucht mit ihr getrieben wurde, verrät auch diese Ausstellung nicht. Vielleicht ist sie gerade deshalb sehenswert.

Bis: 21.02.2016


Katalog ‹unschuldig unheimlich. Das Sennentuntschi›, mit Werken von Klodin Erb und Eliane Rutishauser, Hg. Stephan Kunz und Silvia Conzett



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Ausgabe 12  2015
Ausstellungen Gaspiel Bündner Kunstmuseum: Das Sennentuntschi [09.10.15-21.02.16]
Institutionen Rätisches Museum [Chur/Schweiz]
Autor/in Gisela Kuoni
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