Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
12.2015




Genève : Jean-Pierre Saint-Ours


von: Katharina Holderegger Rossier

  
Jean-Pierre Saint-Ours · Horace-Bénédict de Saussure (Gründer der Société des arts), 1796, Öl auf Leinwand, 135,2x98,5 cm, Courtesy Société des arts/MAH. Foto: Flora Bevilacqua


Anlässlich der epochalen Ausstellung ‹The Age of Neo-Classicism›, 1972, in London wurde der in Genf geborene Jean-Pierre Saint-Ours (1752-1809) als Wiederentdeckung gefeiert. Statt im Musée d'art et d'histoire, das 55 Gemälde und 150 Zeichnungen von ihm besitzt, eine Monografie folgen zu lassen, hatte die frühere Konservatorin für Zeichnungen, Anne de Herdt, erst einmal einen Werkkatalog begonnen, den sie 2016 vorlegen will. Doch nun, kurz vor Schliessung des Museums, hat man es plötzlich doch eilig, noch eine Retro­spektive zu zeigen, über welche die inzwischen bejahrte Dame bis zuletzt mit der wegen ihrer fast surrealen Zerstreutheit und Verschwendung umstrittenen Chefkonservatorin Laurence Madeline - jede ihrer vertrackten Ausstellungen hat bisher mehr als eine Million gekostet - verhandelte, die trotz wenig Affinität mit dem Maler das Ko-Kommissariat forderte. Ende Jahr wird der seit Langem zu Sorge veranlassende Walfisch unter den Schweizer Kunstmuseen effektiv für sechs, sieben Jahre schliessen, ohne dass seine Zukunft klar ist: Wird er anschliessend unter der Fuchtel der Stiftung des Ölmilliardärs Jean Claude Gandur und unter der Kuppel des Projekts des Stararchitekten Jean Nouvel wieder losschwimmen? Wird er, kommt das Referendum durch, ganz und gar stranden? Oder wird er doch noch mit subtileren Mitteln gesund gepflegt werden?
Oh, wie viel mehr hätte Saint-Ours verdient als die aus diesem Jammer heraus in 14 enge, dunkle Kammern versprengte Narration seiner glänzenden Karriere! Darüber tröstet auch die am Ende des Parcours per Lift erreichbare luftigere Galerie mit erstaunlich persönlichen Auftragsporträts nicht hinweg. Der aus einer hochgebildeten, kunstfertigen Hugenotten­familie stammende Saint-Ours, der sich in Paris und Rom die höchsten künstlerischen Lorbeeren verdiente, ist kompositionell und koloristisch gewiss nicht so bestürzend wie der ungefähr gleichzeitig an der Pariser Académie des Beaux-Arts ausgebildete Jacques-Louis David (1748-1825), doch ist er als Zeichner von Körpern und Stoffen vielleicht noch differenzierter als dieser. Manchmal wirkt zwar alles etwas geleckt, wie Porzellan, aber nie abgeschmackt, da Saint-Ours Mimik und Gestik wie auch den Strich selbst stets mit echtem Fühlen zu füllen wusste. Noch wird nicht nur unterschätzt, wie einzigartig er das von reformierter Theologie, aufklärerischer Ideologie und klassizistischer Ästhetik gedrängte Suchen einer neuen Genfer Gesellschaft nach seiner Rückkehr 1792 in Öl, Tinte und Rötel übersetzte, sondern auch, wie bedeutend er für die Etablierung des ersten modernen Kunstlebens in einer Schweizer Stadt mit Museum und Akademie war.

Bis: 31.12.2015


parallel: ‹Visions célestes, visions funestes: Apocalypses et ­visions bibliques de Dürer à Redon›, Cabinet d'art graphique



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 12  2015
Ausstellungen Jean-Pierre Saint-Ours [25.09.15-28.02.16]
Institutionen Musée d'Art et d'Histoire Genève [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Jean-Pierre Saint-Ours
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=15112723423340Q-29
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.