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12.2015




London : Chantal Akerman


von: Brita Polzer

  
links: Chantal Akerman · In the Mirror, 1971/2007. Foto: David Freeman
rechts: Chantal Akerman · Now, 2015. Foto: David Freeman


Tief muss man hinabsteigen, in dunkle Räumlichkeiten, um die der University of Westminster zugehörigen Ausstellungsräume zu erreichen. Nicht nur wirklich finster ist es hier, man ist auch beständig in eine Geräuschwolke gehüllt. Zurückgezogene Innenräume ebenso wie diffuse Klangkulissen haben Akermann fasziniert, und beides hat sie häufig in ihren Filmen eingesetzt - ob es in den Ausstellungsräumen derart finster und lärmig sein muss, bleibt allerdings offen. Akerman (1950-2015) wurde in Brüssel als Tochter polnisch-jüdischer Emigranten geboren. Ihre Filme, in denen sie häufig selbst auftaucht, erzählen von einer selbstbewussten und gleichzeitig ständig infrage gestellten Existenz. Häufig zeigt sie das Private, den Innenraum, das Ich im Verhältnis zum Öffentlichen, zum Draussen, zu anderen. Mit ‹In the Mirror›, 1971/2007, beginnt die Ausstellung. Vor einem üppigen Spiegel steht die Künstlerin, bis auf die Unterhose nackt, ihren Leib wie für eine Bestandsaufnahme erfassend. «Ich habe einen schönen Mund, ich habe fast keine Taille», sagt sie, während sie sich dreht und wendet. Steht das Selbst hier noch gänzlich im Zentrum, taucht es im späteren ‹Maniac Summer›, 2009, nur noch als vorübergehende Erscheinung auf. Aus ihrem Pariser Appartement heraus hat Akerman die Strasse und den Park aufgenommen, zugleich immer wieder die eigenen, mit Vorhängen nach aussen abgeschlossenen Räume. In diesen taucht sie selbst bisweilen auf, selbstverständlich ihren Lebensraum besetzend, zugleich kaum wichtiger als Autos oder spielende Kinder. Die letzte der sieben grossartigen Arbeiten ‹Now›, 2015, zeigt auf fünf grossen Screens Wüstenlandschaften - wie es heisst, besonders umkämpfte Regionen im Mittleren Osten. Die Kamera rast über diese öden Gegenden dahin, alles wird unscharf, dann wieder steht sie still, auf immer demselben alten Gemäuer, das davon spricht, dass hier mal ein Haus, vielleicht ein Dorf stand. Der Sound besteht aus einer Mischung aus Gewehrsalven, Vogelgesang, Männerschreien. Einen unglaublichen Drive hat das Ganze, ohne Anfang und Ende wütet der Schrecken. ­Einige von Akermans Arbeiten haben das Adjektiv «maniac» (verrückt) im Titel, vor ‹Now› kommt mir «haunted» (verfolgt) in den Sinn. Akermans Mutter wurde nach Auschwitz deportiert, sie habe fast nie davon erzählt und man habe sie später kaum je ausserhalb ihrer Wohnung gesehen, sagt die Tochter, die sich ein Jahr nach dem Tod der Mutter, am 5. Oktober dieses Jahres, das Leben genommen hat.

Bis: 06.12.2015



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Ausgabe 12  2015
Ausstellungen Chantal Akerman [30.10.15-06.12.15]
Institutionen Ambika P3/University of Westminster [London/Grossbritannien]
Autor/in Brita Polzer
Künstler/in Chantal Akerman
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