Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
12.2015




München : Geh und spiel mit dem Riesen


von: Roberta, De Righi

  
links: Michel Majerus · Ohne Titel, 1993, Courtesy Michel Majerus Estate / neugerriemschneider Berlin
rechts: Aura Rosenberg · Amy Sillmann/Isaac, 2008, aus der Serie: Wer Bin Ich? Was Bin Ich? Wo Bin Ich?


Sind Kinder Obst oder Gemüse? Angesichts der deutschen Erfindung des Kindergartens stellen Eva Maria Stadler und Anne Marr diese ironische Frage. Ihre Ausstellung ‹Geh und spiel mit dem Riesen› in der Münchner Villa Stuck setzt sich mehrdimensional mit ‹Kindheit, Emanzipation und Kritik› auseinander. Dafür trugen die Kuratorinnen rund 80 Werke von 43 Kunstschaffenden - von Alex Bag über Michaela Melián bis Heimo Zobernig - zusammen. Der Titel bezieht sich auf Hans-Joachim Gelbergs gleichnamiges ‹Erstes Jahrbuch der Kinderliteratur›, 1971 entstanden aus dem Geist antiautoritärer Aufklärung. Doch es gibt hier kaum eine Setzung, die nicht das Gegenteil impliziert. «Antiautoritäre Erziehung» ist ein autoritär beschlossenes Konzept. Und jedes Exponat fordert die Suche nach einem anderen Blickwinkel oder eben Interaktion heraus - wie Boris Charmatz' ‹Musée de la Danse›, eine unwiderstehliche Aufforderung zum Tanz.
Zu Beginn blickt man in Oswald Oberhubers Selbstbildnis ‹Ich als Kind›: Ein Riesenbaby mit verkürzten Gliedmassen und gar nicht kindlichem Blick. Daneben Mike Kelleys Kuscheltier-Knödel ‹Citrus & White›, deren Polyesterfelle aus kristallinen Boxen mit synthetischem Duft bestäubt werden. Da steckt die Banalität des Monströsen drin, die im kindlichen Bindungsbedarf steckt. Gegenüber erfrischt Baldessaris trockener Humor im Video ‹Eine Pflanze unterrichten›. Und obgleich viel grösser als Kelleys Tierchen wirkt Cosima von Bonins Patchwork-Riesenkrake weniger bedrohlich.
Zwischen Alfred Kubins ‹Zorn›-Rumpelstilz­chen und Jeff Koons' ‹Hulk› stehen Andy Hopes ewige Plastik-Helden. Comicfiguren sind aus der Ikonografie vieler Künstler/innen, so auch bei Michel Majerus und Hank Schmidt in der Beek, nicht wegzudenken. Malerei als Fortsetzung von Kindheit in anderem Kontext mit denselben Mitteln.
Die Unmöglichkeit eines Schutzraums der Kindheit im totalen Kapitalismus führt Andrea Diefenbachs Fotoserie über Rumäniens verlassene Kinder vor Augen: ein Säugling allein in einem Ehebett - und die aus materieller Not geborene Zerstörung familiärer Strukturen.
Die krasse Pervertierung kindlicher Emanzipation, welche die Reformpädagogik auch ermöglichte und die sich etwa im Missbrauchs- skandal der Odenwaldschule offenbarte, thematisiert indes keines der Werke in dieser bis ins Detail klug durchdachten und liebevoll gestalteten Schau. Zu schwierig?

Bis: 10.01.2016



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 12  2015
Ausstellungen Geh und spiel mit dem Riesen! [11.10.15-10.01.16]
Institutionen Villa Stuck [München/Deutschland]
Autor/in Roberta, De Righi
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=15112723423340Q-36
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.