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12.2015




Winterthur : Manuel Bauer


von: Claudia Jolles

  
Manuel Bauer/Agentur Focus · Sam Dzong - Ein Dorf zieht um, Bilder aus der Ausstellung


Der Klimawandel hat viele Gesichter. Uns beschert er rekordwarme Herbsttage, doch in anderen Gegenden zeigt er sich weit bedrohlicher. Dies führen die Aufnahmen des Winterthurer Fotografen Manuel Bauer (*1966) eindrücklich vor Augen. Sein in der Coalmine präsentiertes Projekt ‹Sam Dzong - Ein Dorf zieht um› über eine gefährdete Dorfgemeinschaft im Himalaya spricht Bände.
Wie jede Geschichte hat auch diese eine Vorgeschichte. Bauer, vormaliger offizieller Fotograf des Dalai Lama, reiste 2008 nach Mustang, in dieses einsame Land am Fuss des Himalaya. Dort klopften ihn eines nachts drei Männer aus dem Schlaf, mit Dolchen im Hosenbund und «Fingernägeln so schwarz wie ihre Augen» -
so Christian Schmidt in der Begleitpublikation zur Ausstellung. Sie hatten sich von einem abgelegenen Dorf auf den Weg gemacht, um Hilfe für ihre Gemeinschaft zu suchen. Wie's weitergeht, erzählen die Aufnahmen in der sorgfältig komponierten Schau. Wir stehen zunächst vor einer kargen, endlos weiten Gebirgslandschaft, deren terrassierte Flanken offenbar früher bebaut waren. Doch von den vormaligen Gersten-, Buchweizen- und Senffeldern sind nur noch spärliche Flecken übrig geblieben. Die Gründe liegen auf der Hand: Die Sommer sind heisser geworden, im Winter fällt zu wenig Schnee und das Wasser - wenn es dann endlich kommt - schwemmt flutartig die letzten Reste fruchtbaren Bodens weg. Mitten in dieser Einöde erkennen wir die weissen Häuser einer kleinen Dorfgemeinschaft, die dieser unwirtlichen Umgebung über 3000 Jahre ihr Überleben abgetrotzt hat. Wir begegnen den Dorfbewohnern: geschmückte Frauen mit bunten Schürzen in ihren Hütten oder auf den Feldern, ein Junge zwischen struppigen Ziegen, Heu schleppende Männer und Pferde... Die Bilder führen uns die existenzielle Not dieser Menschen, doch auch ihren Überlebenswillen und ihre durch die Seidenstrasse geprägte Kultur vor Augen - ihr Dorf lag an der wichtigsten Salzhandelsroute zwischen Indien und Tibet. Auf einer Aufnahme sehen wir den Besuch der kleinen Dorfdelegation beim König von Mustang. Dieser empfängt seine Gäste in einer Wollmütze und schenkt ihnen ein vor Jahren überflutetes Stück Schwemmland. An diesem Ort bauen die Dorfbewohner/innen später ihre neuen, etwas kasernenartigen Häuser, die sie im Mai 2015 nach einer feierlichen Einweihung zwischen den 18 Familien verlosen. Es ist eine ebenso wunderbare wie nachdenklich stimmende Geschichte. Das Happy End ist ein vorläufiges, denn wer weiss, wie lange auch dieser gletschergenährte Fluss noch Wasser führen wird. Dennoch ist es ein höchst motivierendes Projekt. Im kurzen Film zur Ausstellung meint Bauer: «Auch die Schönheit muss Advokaten haben.» Die beispiellose Kampagne, die er mit dem Fotoprojekt lanciert hat - auf seinen Spendenaufruf kamen über CHF 400'000 zusammen - geben ihm recht. Die in Sequenzen gruppierten und von kurzen Wandtexten begleiteten Aufnahmen sind einmalig und prägen sich nachhaltig ein. Der Appell des Fotografen könnte nicht eindring­licher sein!

Bis: 18.11.2015



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Ausgabe 12  2015
Ausstellungen Manuel Bauer [30.10.15-18.12.15]
Video Video
Institutionen COALMINE Forum für Dokumentarfotografie [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
Künstler/in Manuel Bauer
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