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Fokus
1/2.2016


 Wer ist Reto Pulfer? Da gibt es viele Antworten: Autodidakt, Performer, Maler, Musiker, Poet, Reisender. Was macht Pulfer? So gefragt, geht der Blick vom Menschen auf die Werke. Die Installationen des Künstlers sind allerdings eher Erlebnisse. Anders als Erfahrungen, allerorten wohlfeil angeboten, stellt das Erlebnis einen Weltzusammenhang her. In ihm aufzugehen, statt als Subjekt der Welt gegenüberzustehen, ist Absicht Pulfers. Dafür formt er Gefundenes, Erinnertes, Erdachtes. Ein Welttheater aus Gemachtem und Gewordenem.


Reto Pulfer - Gemachtes und Gewordenes


von: J. Emil Sennewald

  
links: Die Loci der Ortie, 2015, Ausstellungsansicht, Centre international d'art et du paysage, Île de Vassivière. Foto: Aurélien Mole
rechts: Die Loci der Ortie, 2015, Detail. Foto: Aurélien Mole


Alles beginnt mit einer Dornenranke. Vertrocknet, verdreht, hakt sie sich fest in den Kleidern, wenn man durchs Dickicht geht, auf Holzwegen. Unbeachtet zerreisst sie den Stoff, ritzt die Haut. Angeblickt ruft sie Erinnerungen auf. An Märchen. An etwas, das in den Dingen zu wohnen scheint, durch das sie sich an mir festhaken. Plötzlich ist diese Dornenranke nicht mehr tumbe Natur, die stumpf ihren Gesetzen folgt. Reto Pulfer hat sie gefunden, hier. Auf der Île de Vassivière, einer künstlichen Insel inmitten eines knapp zehn Quadratkilometer grossen Stausees, der 1950 acht Weiler versenkte, das Limousin mit Strom versorgt.
«All das spielt eine Rolle», sagt er, «es gibt diesen Geist des Ortes, vergessene Träume, Erinnerungen, die weiterwirken.» Die wolle er spürbar machen, zum Beispiel mit Sound im Turm des Kunstzentrums. Gitarrenriffs, durchs Echo verstärkt, durchwehen Stoffe, wie Gespenster im Raum. Riffs als Ruf: Das Publikum sollen «Schwingungen durchdringen, der Genius Loci.» Auf den verweist auch der Titel dieser ersten grossen Monografie des Künstlers in Frankreich: ‹Die Loci der Ortie›. Er setzt es fort, zwischen Sprachen und Anklängen spricht im letzten Saal eine Soundarbeit die Besuchenden an. Unterm Eindruck von «Genauungefährheit» und Riffs zwischen Rolling Stones und Walgesang geht der Blick durchs Bullauge.
Nach draussen. Wie bestellt kommt Nebel auf, ein Boot fährt durchs Bild. Auf dieser künstlichen Insel, die einmal ein Hügel war, nordwestlich des Plateau de Millevaches im Zentralmassiv, findet sich seit 1990 das Centre international d'art et du paysage. Beim Spaziergang kann man Skulpturen begegnen, über die ganze Insel verteilt. Natur gerinnt bei jeder Wendung des Kopfes zum Landschaftsbild.

Übertragung
Alles, was hier wächst, wurde einmal angelegt. So ist es auch in den Installationen von Reto Pulfer. Mit einem freundlichen Lächeln, zwischen Scheu und Bestimmtheit, kommt er zügig in seine Installation. Zünftig gekleidet - einer, der viel draussen ist. Er legt die Dornenranke, vom Spaziergang mitgebracht, an einer Stelle nieder, geht wieder. Jetzt, hier, allein inmitten einer Art begehbarem Landschaftsgemälde, die Wände mit Graupapier ausgeschlagen, auf denen hier und da bunt gemalt wurde, verwandelt sie sich noch einmal: Aus dem Objekt, an das sich Bedeutung legte, wird aktives Ding. So vertraut sie erscheinen mochte, nun fügt sie sich ins Ensemble aus Texten, Sand, beschrifteten Einweckgläsern mit Blättern, Seilen, Knoten, russigen Öllampen, einer Holzstiege, einem Sportbogen mit einigen Stöcken, Raku-Keramiken, Zeichnungen, Bändern und Fäden, die dazwischenlaufen, als müssten sie den Sinn festhalten.
«Solche Grossprojekte», sagt Pulfer später, «wachsen immer weiter, sind im Werden und verändern sich abhängig von den Orten, wo sie aufgebaut werden.» Henri Bergsons «Élan vital», auch ein bisschen Fluxus scheinen durch. Dem steht eine Aufzeichnungsarbeit zur Seite, die er ‹Mnemotics› nennt: «Schreiben ist integraler Bestandteil der Arbeit, damit will ich definieren, wo etwas herkommt, was ich dabei gedacht habe, als ich es machte.» Die Dornenranke wird Akteurin in einer neuen Welt. Der alten entwachsen, dynamisiert sie die Installation wie Schnörkel kalligrafischen Text. Übertragung ist Kern von Reto Pulfers dramaturgischer Methode.

Erlebnis
Fragile Konstruktionen aus gefundenem Holz, Metallen, Fäden «sind Instrumente, auf denen man richtig spielen kann», erklärt er, entlockt einem Instrument Töne. Dem Besucher bleibt das untersagt. Die Gruppe von Instrumenten, Repertoire für Performances, stellt, stumm, so etwas wie Totems dar. Assemblagen, die den Schrecken der Wirklichkeit bannen. «Es gibt ja soweit keine Wirklichkeit, die nicht Ding ist», sagt der Künstler, «auch in meiner Arbeit nicht.»
Die verwebt Fundstücke zum Erlebnis - im Sinne Wilhelm Diltheys. Der Philosoph sah das Erlebnis als Grundlage der Realität. Alles, was sich in der Welt vorstellt, sei Teil eines Bewusstseins, durch das es etwas für mich werde. In diesem Sinne fügt Pulfer Dinge, Töne, Erinnerungen zum Erlebnis, stellt uns aus dem konkreten Ausstellungsraum heraus in einen Weltzusammenhang. Erhält das alles nur Sinn und Sound in meinen Augen? Oder wird hier ein «Ding an sich» vorstellig, wie es von Kant als vom Subjekt absolut unabhängig gedacht wurde? Pulfer: «Es geht eher um Zustände, Übereinanderschichtungen, die sich unablässig bewegen.» Wie das kleine Gebäude aus Stoff, das an die fragilen Gebilde erinnert, die sich Kinder aus Decken und Möbeln bauen. Ryan Gander hat 2013 ein solches in Marmor nachgebildet. Pulfer lässt es leicht und luftig. Obendrauf liegen kleine Sachen, wie der Inhalt einer Kinder­hosentasche. In solch intimem Kosmos des Finders wohnt eine ganze Welt.
Welt ist etwas, das anhaftet, einkleidet wie ein Gewebe. Genau so entfalten sich die Installationen Pulfers: Tatsächlich schwebt über den Köpfen ein geknüpftes Netz, auch im Aussenraum. Trägt es oder fängt es? Es gehe um das Herstellen eines Raums, so der Künstler, in dem das Netz als Teil des Ganzen erlebbar wird.

Texturen
Das Ganze ist der Raum, den es schafft: Den Hauptsaal betritt man durch weit aufgespannte Tücher, aus gebrauchtem Stoff zusammengenäht, teils gefärbt. Räumliche Gemälde sind Markenzeichen von Pulfer. Sie waren als ‹dehydrierte Landschaft› diesen Sommer im Genfer Centre d'Art Contemporain oder im Berliner Haus der Kulturen der Welt zu sehen, als ‹Kammern des Zustands› im Musée régional d'art contemporain Languedoc-Roussillon, Sérignan. «Die Installationen sollen wie Malerei wirken, wie Bilder komponiert», sagt Pulfer, «der Raum ist wie die Architektur des Bildes, man kann es sich nicht ganz aneignen, im Durchlauf entsteht eine Narration.»
Eine Erzählung, wie durch Kinderaugen. Gilles Deleuze, der unweit des Kunstzentrums seine ‹Milles Plateaux› verfasste, schrieb einmal, die Kunst sage, «was die Kinder sagen», bestehe «aus Wegen und Werden» und ein Gemälde sei weniger «ein Fenster zur Welt als ein in die Fläche ausgebreitetes Gebilde». Ihm sei am «Begehen des unkartografierten Raumes» gelegen, sagt Pulfer, das zeichne er auf, um den Raum zu verändern. In der Ausstellung sind viele Karten zu sehen, oft ungelenk gezeichnet. Im Kunstzentrum ‹Spike Island› in Bristol hat er, ebenfalls diesen Sommer, einen eigenen Raum voll solcher mit Bleistift und Aquarell gemalten Karten gezeigt - imaginär führen sie nach Kairo, Taipeh, Bern.

Gemachtes/Gewordenes
«Mir geht es darum, etwas Neues zu machen, immer wieder das selber zu machen, ganz viele Zufälle spielen zu lassen. Es ist wichtig, dass die Dinge, die hier sind, so sein könnten», betont Pulfer. Bei ihm ist jedes Ding Zeuge verschiedener Zeitlichkeit. Jedes zwischen Gemachtem und Gewordenem. Ringsum bedeckt im Hauptsaal Sand den Boden, gibt einen Pfad vor, schafft ein Podest, das die Ausstellung vom Besuchsraum trennt, wie der Sandkasten den Alltag vom Spielraum. Hier tauschen künstlerisch und zufällig Gemachtes Eigenschaften aus. Hier wird Gegenwart zur Form: Am Vernissagenabend, es war der 14. November, reagierte Pulfer spontan auf die Attentate in Paris, indem er eine Hommage an die ‹Eagles of Death Metal› improvisierte, die Band, die im Bataclan spielte, als die Terroristen zuschlugen. Mit verbundenen Augen suchte er dann im Sand nach einem verlorenen Gegenstand.
Das hat schon fast etwas von Bannzauber. In den anderen Sälen wirken die Gebilde mal wie buddhistische Installationen, mal wie Gebetszelt oder Andachtsraum. «Religion ist eine Frage der Inszenierung», sagt der Künstler, «deren Ladung interessiert mich.» Eine Beuys'sche Religiosität, kein Glaubensgebäude, andächtige Aufmerksamkeit für die Ladung der Dinge.

Dichtung
«Wege und Werden - die Kunst macht das eine jeweils im anderen gegenwärtig» endet der oben zitierte Text von Deleuze, er beruft sich auf «Dionysos als den Gott der Durchgangsorte und der vergessenen Dinge». Die Stärke in Pulfers Arbeit liegt darin, dass er solche Passagen schafft. Sogar im kleinen Gemälde, das bescheiden an der Wand lehnt: «Drei tote bewaffnete Männer...», eine ganze Geschichte ist darauf zu lesen - zu sehen sind aber vier unscharfe Gestalten. Ist der vierte, der wegläuft, der Künstler? Im Bild steht, es sei «Gina», Romanfigur des Künstlers.
Er geht auf, in seiner Dichtung. Manchem mag diese etwas zu frühromantisch sein, seine Literatur im Duktus an Hoffmannsthal, im Elan an Runge erinnern. Doch es wäre kleinlich, zum Aufguss zu reduzieren, was durch grosse Authentizität und lebensphilosophischen Ernst in einem Spiel aufgeht, das viele begeistert. Vielleicht, weil Pulfers Übergangsräume etwas in Aussicht stellen, das verloren schien: gelebte Erinnerung, Weltaneignung.
J. Emil Sennewald ist Kritiker in Paris, lehrt Philosophie in Clermont-Ferrand. Emil@weiswald.com

Alle Zitate stammen aus einem Gespräch mit Reto Pulfer am 13.11.2015 auf der Île de Vassivière. Ein mit den genannten Kunst­zentren in Genf, Bristol und Evora sowie dem Museum in Sérignan gemeinsam herausgegebener Katalog erscheint 2016.



Bis: 06.03.2016


Reto Pulfer (*1981, Bern) lebt in Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 Fórum Eugénio de Almeida, Évora, Portugal
2015 Teri Garten, Berlin
2014 ‹Die Treffen des Platzes›, Raum für Kunst, Luzern
2013 ‹Zustand der Intensivierung›, Kunstverein Nürnberg - Albrecht Dürer Gesellschaft
2012 Art Statement, Balice Hertling, Art Basel
2011 ‹Die Vertretung des Erschöpften›, Istituto Svizzero di Milano

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2015 ‹100 Jahre Gegenwart›, Haus der Kulturen der Welt, HKW, Berlin
2014 ‹Kill All Monsters›, Ausstellungsraum Klingental, Basel
2013 ‹Agir dans ce paysage›, Centre international d'art et du paysage, Île de Vassivière, France
2012 ‹A word for a play›, Kunsthaus Baselland, Switzerland
2011 ‹HotAvantgardeHothot›, Oslo10, Basel

Kuratorische Projekte (Auswahl)
2012 ‹Quasi-Ewig›, Eternithaus, Berlin (co-curated)
2009 ‹Urzustand›, Artnews Projects, Berlin
2008 ‹Den Zustand Verstehen›, Zustand, Berlin
2002 ‹Eintopf›, Hirscheneck, Basel



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Ausgabe 1/2  2016
Ausstellungen Reto Pulfer [15.11.15-06.03.16]
Institutionen Centre International d'Art et du Paysage [Ile de Vassivière/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Reto Pulfer
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