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Editorial
1/2.2016




Kultur statt Froufrou und Beine

  
TITELBILD · Reto Pulver · Die Loci der Ortie, 2015, Ausstellungsansicht, Centre international d'art et du paysage, Île de Vassivière. Foto: Aurélien Mole


Kreativität braucht Raum, Zeit, Konzentration und eine passende ­Atmosphäre. Letztere ist wohl die subtilste Komponente, denn sie hat viel mit persönlichen Gewohnheiten, Veranlagung, Prägung zu tun. Die einen steigen zum Schreiben oder Skizzieren in einen Zug, die anderen drehen die Kopfhörer auf, dritte brauchen die absolute Stille... Förderlich für alle sind jedenfalls Räume mit klar ­begrenzten äusseren Reizen. Vielleicht einer, wie ihn Reto Pulfer geschaffen hat. Er erinnert an eine lichte Höhle, an ein von Kindern aufgespanntes Zelt, das Schutz vor den Regeln und Ansprüchen Erwachsener bietet. Hier kann die eigene Weltschöpfung beginnen.
Die Geschichte der Kunst ist eine Geschichte immer wieder neu inszenierter und durchgespielter Anfänge. Einer der radikalsten Brüche ereignete sich vor hundert Jahren im Cabaret Voltaire in ­Zürich, als dort der knapp dreissigjährige deutsche Kriegsflüchtling Hugo Ball das 1. Dadaistische Manifest vortrug und die anwesenden grölenden Studenten wissen liess: «Wir sind hier nicht gekommen, um Froufrou und Beine zu sehen und Gassenhauer zu hören. Das Cabaret Voltaire ist eine Kulturstätte.» Stattdessen plädierte er im Namen einer internationalen, mehrheitlich jungen Künstlerschaft dafür, mit «Dada» - ein Laut zwischen vorsprachlichem Lallen und Jargon - zur Essenz von Sprache zurückzukehren, einer Sprache und Zivilisation, die im rundum tobenden Krieg jeden Sinn und jede Perspektive verloren hatte. Der Skandal war perfekt, die besoffenen Studenten wollten nackte Haut sehen und rebellierten. Nach zahllosen weiteren Veranstaltungen legte sich allmählich der Tumult, doch der damalige Neuanfang klingt bis heute nach.
In diesem Sinne wünscht Ihnen das Kunstbulletin zum Dada-Jubiläum ein Jahr der inspirierenden Neuanfänge. Und Reto Pulfer führt uns vor Augen, wie wir uns heute die im Alltag dafür so nötigen eigenen Freiräume schaffen.



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Ausgabe 1/2  2016
Autor/in Claudia Jolles
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