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Besprechung
1/2.2016


Gabrielle Schaad :  Wer oder was lässt sich schon schubladisieren? - Zuletzt die Kunst. Kaspar Müller führt dies in intimem Rahmen vor. Mit ­Designobjekten, Videos und dem oft zum blossen Ausstattungsgegenstand verkommenen Objekt ‹Buch› bespielt er die Räume des Belle-Époque-Baus in der Luzerner Vorstadt.


Kriens : Kaspar Müller - Frankfurt Freakout


  
Kaspar Müller · Frankfurt Freakout, 2015, Ausstellungsansicht, Museum im Bellpark, Kriens


Wer die Ausstellungsräume betritt, sieht sich mit auf dem Boden aufgetürmten Haufen Bücher und eigenartigen Sitzmöbeln konfrontiert. Trotz zusammengetragener Designklassiker - wohnlich mutet die Einrichtung nicht an. Ausgestellt sind Relikte und Kuriosa von Müllers Streifzügen durch Antiquariate oder städtische Kulissen im Umbruch. Die Objekte sind aber weniger fetischisiert, als sie im losen Zusammenspiel ein sozial konnotiertes System offenbaren. Zudem lassen sich im Ausstellungsparcours - Vexierbildern gleich - auch ungezwungene Zitate auf die Gegenwartskunst ausmachen. Müller regt zu vielschichtigen Überlegungen an, die privaten, öffentlichen und gelebten Raum über den regionalen Standort hinaus in ­Beziehung setzen. Neben dem konstruierten Charakter von Erzählung(en) stellt er dabei nicht zuletzt den Ausstellungsort selbst aus.
Die Einladungskarte mit dem Titel ‹Frankfurt Freakout› zeigt das Interieur einer als modernistische Norm in die Architekturgeschichte eingegangenen Kücheneinrichtung, die einen reibungslosen Arbeitsablauf in der damals als weiblich codierten Sphäre des Haushalts konditionierte. Darüber hinaus wird «Frankfurt» zum Platzhalter für Assoziationen - ob wir dabei an Philosophen wie Theodor Adorno, Max Horkheimer oder Walter Benjamin oder an die Städelschule denken, bleibt uns überlassen. Wer sich nach der Frankfurter Küche im Haus umsieht, sucht indes vergeblich. Die von Müller ausgelegten Oberflächen des Alltagslebens ködern unsere Wahrnehmung, lenken die Aufmerksamkeit dabei auf das Gewöhnliche im Ausgefallenen und das Irrtierende im Normalen. Die Stühle, Sitzgruppen, Glockenspiele oder Schriften tragen Gebrauchsspuren und locken auf eine Spur, die sich vervielfacht und verliert. So verhält es sich auch mit den Videoprojektionen seiner Städterundgänge von Düsseldorf über New York bis Skopje, die er aus teils identischen Sequenzen fügte. Sein Montageverfahren gleicht dabei der Rekonstruktion von Erinnerung als Aktualisierung von Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven.
In Fragmenten verdichtet sich so ein Gesamtkunstwerk, ohne totalitären Anspruch. Den Exponaten ist gemeinsam, dass sie vor ihrer Präsentation durch mehrere Hände gingen. So lassen sich auch zu organisch-geometrisierenden Mandalas gruppierte Selbstklebe-Kunstedelsteine sehen. Einmal mehr wirft Müller das Publikum selbstbewusst auf die berückende Schönheit im scheinbar Banalen zurück, das Erhabenheit wie Schiessbuden-Romantik birgt und aufwiegt.

Bis: 21.02.2016



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Ausgabe 1/2  2016
Ausstellungen Kaspar Müller [28.11.15-21.02.16]
Video Video
Institutionen Museum im Bellpark [Kriens/Schweiz]
Autor/in Gabrielle Schaad
Künstler/in Kaspar Müller
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