Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
1/2.2016


Fritz Balthaus :  Wer macht sich beim Betreten von Gebäuden bereits Gedanken über Raumprogramme, über das unsichtbare Kräftespiel tragender und nicht tragender Wände, über Dehnungsfugen und Bodenrisse ? In seiner Ausstellung ‹Trakt A› führt Jeremias Bucher die Doppelbödigkeit von Kunstwerk und Umgebung vor.


Luzern : Jeremias Bucher - Traktat aus Trakt A


  
Jeremias Bucher · Abdruck, 2015, Schuhe der Kuratorin


Ausgestattet mit einem ‹Saalblatt›, als erstem Werk der Ausstellung, fährt das Publikum mit dem Aufzug von Level 0 auf Level 4 und wird ins Kunstmuseum geführt. Das nimmt der Künstler Jeremias Bucher (*1984, Egolzwil) beim Wort und greift punktuell in die verschiedenen Raumsituationen der zeitgleich stattfindenden Jahresausstellung des Zentralschweizer Kunstschaffens ein.
In Raum 3 hat Bucher den Ausstellungstext ‹Trakt A› eigenhändig an die Wand gemalt. Nur in der Manier der ‹Wandmalerei› setzt sich der Text von der diskreten Ausstellungstypo ab. Indem der Künstler Wand und Bild, Dispersion und Fresko einsetzt, bringt er den produktiven Wertestreit von Malerei und Handwerk ein weiteres Mal in Gang. Bei ‹Riss› in Raum 7 des Museums haben Spannungsentladungen und Gebäudesetzungen signifikante Bodenrisse verursacht, die von Bucher lapidar ausgefüllt wurden und das nahezu verschwindende Werk nur noch ­ahnen lassen. Jeder überflüssigen Geschmacksentscheidung enthoben, übernimmt die Ausstellung die Vorgaben von Hausgrafik und Haustechnik, stellt dort präzise Brüche her, wo sie künstlerisch wichtig sind, ansonsten fügt sich die Ausstellung störungsfrei in die von Heinz Stahlhut verantwortete Jahresausstellung ein.
‹Tür› ist eine Türöffnung in einer Wand von Raum 6. Durch sie bittet Bucher hinter die weisse Wand des Museums, wo sich nun ein weiterer Raum zwischen Fassadenverkleidung und Museumswand auftut. Das Werk öffnet einen Korridor zwischen Geäussertem und Äusserung, zwischen Kunst- und Gebäudekulisse. An dieser Leerstelle offenbart das Kunstmuseum die ihm von Seiten der Architektur zugewiesene Sehform eines White Cube und zeigt, wie dieser Topos unbeschadet von der bahnbrechenden Entzauberungskritik in den Sechzigerjahren fröhlich weiterlebt. Mit der Ausstellung ‹Nouvelles boîtes› hatte Direktorin Fanni Fetzer den weissen Raumschachteln im grossen Kulturkäfig des KKL-Architeken Jean Nouvel bereits eine skeptische Ausstellung gewidmet, u.a. mit Nedko Solakovs fantastischem Schwarzweissraum.
Ein letzter Blick zur transluzenten Lichtfolie an der Decke von Raum 5 zeigt den schemenhaften ‹Abdruck› der Kuratorinnenschuhe von Eveline Suter. Beim Verlassen des Museums lenkt dieses Bild unseren Blick hinauf zum durchsichtigen Foyerboden im hohen Treppenhaus des KKL und zeigt dort die Schritte von Museumsverlassenden - beim ‹Akt die Treppe hinabsteigend›.

Bis: 31.01.2016



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2016
Ausstellungen Jeremias Bucher [05.12.15-31.01.16]
Video Video
Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Fritz Balthaus
Künstler/in Jeremias Bucher
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=151228143329A8H-14
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.