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Besprechung
1/2.2016


Patricia Grzonka :  Mit freiem Eintritt wirbt die aktuelle Ausstellung in der Kunsthalle Wien um Öffentlichkeit für Kunst im Zeichen der Politik. ‹Politischer Populismus› versammelt rund zwanzig Kunstschaffende mit Werken, in denen brisante Themen mit einer plakativen popkulturellen Ästhetik aufbereitet werden.


Wien : Politischer Populismus


  
links: Goshka Macuga · Model for a Sculpture (Family), 2011, Courtesy Andrew Kreps Gallery, New York; ­Ausstellungsansicht: Politischer Populismus, Kunsthalle Wien 2015. Foto: Stephan Wyckoff
rechts: Hito Steyerl · Factory of the Sun (Videostill), 2015


Ist es das Interesse an der Argumentation oder das Spiel mit der Mehrdeutigkeit visueller Botschaften, das Künstler/innen dazu verleitet, sich simplifizierender Klischees zu bedienen, um komplexe Themen wie Migration oder Renationalisierung anzusprechen? Die Kunsthalle Wien zeigt in einer überzeugenden Bestandsaufnahme von Kunst seit der Jahrtausendwende, dass die Verschärfung des kommunikativen Tonfalls in künstlerischen Arbeiten nicht zuletzt auch ein Symptom der Häufung realer Krisensituationen ist. Social Media oder Big Data geben die Schlagworte vor, wie übergreifend populistisches Denken (auch) verstanden werden kann.
Hito Steyerl (*1966) oder Simon Denny (*1982), deren Beiträge 2015 auf der Biennale Venedig viel Beachtung erfuhren, fragen in ihren Arbeiten, welche Form von Spielraum angesichts solcher medialer Überdeterminierung für das Individuum noch besteht. Lawrence Abu Hamdan (*1985) befasst sich mit der Manipulierbarkeit von Sprache in religiösen und rechtlichen Systemen in Israel, Syrien und Palästina. Dass Populismus in der Politik kein nur westliches Phänomen ist, verdeutlicht auch die wuchtige Installation von Basel Abbas (*1983) und Ruanne Abou-Rahme (*1983), die sich bildmächtig dem Desaster von Krieg im arabischen Raum verschrieben hat. Hypnotischer Sound begleitet die Aufnahmen historischer Schauplätze und verknappter, literarischer Botschaften.
Während Johanna Kandls (*1954) gemalte Zusammenführungen von neoliberalen Parolen wie «Modernize or die!» und unspektakulär anmutenden Alltagsszenen postsozialistischer Staaten zum Markenzeichen der Künstlerin geworden sind, ­arbeitet Goshka Macuga (*1967) in unterschiedlichen Medien. Macuga zeigt in monumentalen Formaten, dass sich eine kritische Auseinandersetzung mit politischen Diskursen sehr wohl ästhetisch zweifelhafter Formulierungen bedienen kann. In ­einer wandfüllenden Sammlung von Zeitungsartikeln dokumentiert sie beispielsweise den Umgang mit Kunstskandalen im Polen der letzten Jahre. Als einen Kommentar auf rechtskonservative Tendenzen entwarf die Künstlerin auch die sieben Meter ­hohe Skulpturengruppe einer idealisierten Kleinfamilie als ironisierte Personifika­tion ­nationaler Tugenden. Der Subtext der Ausstellung stellt sich als Suche nach einem adäquaten künstlerischen Vermittlungsmedium dar, das im (doppeldeutigen) Kommentar und nicht in der kurzfristigen Reaktion Stellung bezieht.

Bis: 07.02.2016



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Ausgabe 1/2  2016
Ausstellungen Politischer Populismus [06.11.15-07.02.16]
Institutionen Kunsthalle Wien Museumsquartier [Wien/Österreich]
Autor/in Patricia Grzonka
Künstler/in Hito Steyerl
Künstler/in Simon Denny
Künstler/in Lawrence Abu Hamdan
Künstler/in Johanna Kandl
Künstler/in Goshka Macuga
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