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Besprechung
1/2.2016


Heidi Brunnschweiler :  Kunst aus der Zeit der lateinamerikanischen Diktaturen hat Konjunktur. So wurde nun im MoMa New York David Lamelas argentinischer Biennalebeitrag von 1968 aufwendig nachgebaut. Das Migros Museum hingegen fokussiert auf performative Strategien der Jahre 1963-1983 und zeigt vor allem Dokumentationen.


Zürich : Resistance Performed - Performative Widerstandsstrategien


  
links: Lenora de Barros · Poema, Schwarzweissfotografie, 6Teile: je 25x32,2 cm, Courtesy of the artist and Daros Latinamerica Collection, Zürich. Foto: Fabiana de Barros, Reproduktion: Peter Schälchli
rechts: Letícia Parente · Preparação, Ein-Kanal-Video auf Monitor (Portapak, schwarzweiss, Ton), 3'30", Courtesy of Galeria Jaqueline Martins, São Paulo


Die Ausstellung schlägt einen weiten thematischen wie geografischen Bogen, in dem der spezifische politische Kontext der jeweiligen Länder und Arbeiten verloren geht. Die stärksten Arbeiten sind diejenigen, die einen künstlerischen Eigenwert haben oder mit ihrem Gegenwartsbezug überzeugen.
Warum erinnern wir uns? Warum beschäftigen wir uns mit Geschichte? Diese Frage stellt Volpsa Jarpa in der Installation ‹No-Histories Library›, 2011/12, ganz direkt. Wer eine Antwort hinschreibt, darf ein Buch der Künstlerin mit US-Geheimdienst­akten zu Chile aus der Diktaturzeit mitnehmen. In der begehbaren Skulptur ‹For a Body in its Impossibilities›, 1985/2015, fordert Martha Araujo zu einem Experiment auf. Man soll die steilen Seitenwände einer tatsächlich aufgebauten Skaterbahn hochklettern. Die Künstlerin hat die Arbeit 1985 als Metapher für den für unmöglich erachteten Wandel Brasiliens zur Demokratie geschaffen. Sie bleibt als Übungsraum bis in die Gegenwart relevant, erlaubt sie doch, das Unmögliche immer wieder herauszufordern und das Utopische anzustreben. Der Strategie, den eigenen Körper als performativen Erfahrungsraum für staatliche Repression und deren Überwindung einzusetzen, begegnet man zahlreich, u.a. in der Fotodokumentation von Anna Maria Maiolinos ‹What is Left Over›, 1974. Die Künstlerin inszeniert sich mit beschnittener Zunge und verschnürtem Mund, um die brutalen staatlichen Zensurmassnahmen bildlich zuzuspitzen. Luis Camnitzers ­Fotoserie ‹Uruguayan Torture Series›, 1983-84, vergegenwärtigt die Foltersituation unter der Diktatur und entwickelt als überzeugende Bild-Text-Strategie bis in die Gegenwart suggestive Kraft.
‹Resistance Performed - Performative Widerstandsstrategien› - der Titel verspricht mehr, als die Ausstellung halten kann, so fehlt es an der Bündelung von ästhetischen Strategien und ihrem Bezug beziehungsweise ihrer Abgrenzung zu zeitgleichen europäischen Kunsterscheinungen. Vor allem aber enttäuscht, dass die zentrale Frage nach relevanten Formen der Weitergabe historischer Arbeiten nicht gestellt wird. Ein stärker performativer Umgang, ein Reenactment konzeptueller Anliegen hätte diesem wichtigen Kapitel der Performance-Geschichte etwas von der ursprünglichen Kraft und Lebendigkeit eingehaucht, die der Zürcher Präsentation so sehr fehlen. Die Ausstellungen in New York und London zeigen, wie man es anders hätte machen können.

Bis: 07.02.2016



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Ausgabe 1/2  2016
Ausstellungen Resistance Performed [21.11.15-07.02.16]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Heidi Brunnschweiler
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