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Besprechung
1/2.2016


Isabel Friedli :  Vor 100 Jahren wurde im damaligen Petrograd die Ausstellung ‹0,10 - Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei› gezeigt. Für die Entwicklung der Abstraktion gilt diese Ausstellung als Stunde null: Kasimir Malewitsch platzierte dort sein erstes ‹Schwarzes Quadrat› als Ikone des Suprematismus.


Basel : ‹Auf der Suche nach 0,10› und ‹Black Sun› - Rund ums Quadrat


  
Ljubow Popowa · Porträt einer Frau (plastische Zeichnung), 1915, Öl auf Leinwand, 66,3x48,5 cm, Museum Ludwig, Köln. Foto: Rheinisches Bildarchiv, Köln


Nicht minder aufsehenerregend waren die Konterreliefs, die Wladimir ­Tatlin in der Ausstellung im Winter 1915/16 zeigte. Neben diesen zwei radikalen Vordenkern gerieten die ebenfalls zur Avantgarde zählenden und dem (Kubo-)Futurismus verschriebenen Mitstreiter ein wenig in den Hintergrund. Insgesamt vierzehn Künstler/innen - ­sieben Frauen und sieben Männer - waren damals mit rund 154 Exponaten an der legendären Schau ‹0,10› beteiligt. Eine exakte Rekonstruktion der Präsentation wäre ein Ding der Unmöglichkeit: Der historische Ausstellungskatalog - ein Faltblatt nur - ist sehr ungenau, der heutige Verbleib zahlreicher Werke unbekannt. Der Fondation Beyeler, welche die Ausstellung ‹Auf der Suche nach 0,10 - Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei› unter der Leitung des Kurators Matthew Drutt konzipiert hat, ging es auch gar nicht um Vollständigkeit. Die Idee war vielmehr, eine Annäherung an die geschichtsträchtige Ausstellung zu unternehmen und dabei aus der zeitlichen Distanz den Beteiligten buchstäblich mehr Platz einzuräumen.
Waren die Exponate in der Galerie von Nadeschda Dobytschin dicht gehängt, ist die Werkauswahl in der Fondation Beyeler in den vorübergehend leer geräumten Sälen der Sammlung grosszügig verteilt. Inmitten der in der Häufung etwas repetitiv wirkenden Malstile tritt so die Eigenständigkeit einzelner Künstler/innen wie etwa die architektonische Malerei einer Ljubow Sergejewna Popowa mit dem merkwürdig dunklen Kolorit oder die erstaunlich innovativen Werke von Olga Wladimirowna Rosanowa deutlicher hervor. Es waren wirklich wegweisende Fragen über die Rolle und die Grenzen von Malerei und Skulptur, die damals gestellt wurden.
In der parallel laufenden Schau ‹Black Sun› sind die «Kinder» dieser Revolution zu sehen, wobei etwa Sigmar Polke mit seinem ‹Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!›, 1969, oder Rosemarie Trockel mit ihrem Strickbild ‹The Beauty and the Beast (Hommage an Malewitsch)›, 1990, dem Ahnvater weniger respektvoll begegnen als Olafur Eliasson mit der Scheinwerfer-Installation ‹Rema­gine (Large Version)›, 2002. Die Kunst bewegt sich stockend und ruckweise - diesen Eindruck kann man beim Rückblick auf das vergangene Jahrhundert gewinnen. Und auch wenn das genau besehen nicht stimmt, so ist ein Zeitraffer doch spannend.

Bis: 10.01.2016



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Ausgabe 1/2  2016
Ausstellungen Auf der Suche nach 0,10 [04.10.15-10.01.16]
Ausstellungen Black Sun [04.10.15-10.01.16]
Institutionen Fondation Beyeler [Basel/Riehen/Schweiz]
Autor/in Isabel Friedli
Künstler/in Kasimir Malewitsch
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