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1/2.2016




Digitale Kunst - Projekt des Monats/Eva und Franco ­ Mattes - Dark Content


von: Raffael Dörig

  
Eva und Franco Mattes · Dark Content, 2015, Videostill


Was heute als anstössig gilt, entscheidet nicht mehr der Vatikan, sondern Facebook - so scheint es, wenn wieder einmal Michelangelos ‹Erschaffung der Welt› aus der Sixtinischen Kapelle wegen zu viel Nacktheit von Facebook gelöscht wird. Doch wie kommt eine solche Löschung zustande? Warum sind die grossen Netzplattformen frei von Gewaltdarstellungen und Pornografie (und warum kommt dabei auch Kunst unter die Räder)? Ist das automatisiert? Leider nicht. Die Sauberkeit von Facebook, Instagram, YouTube und Co. erfordert eine neue Art von Putzpersonal. Diese euphemistisch «Content Moderator» genannten Arbeiterinnen und Arbeiter müssen sich Bilder und Videos anschauen, die als anstössig gemeldet wurden, und innert Sekunden entscheiden, ob sie online bleiben oder gelöscht werden. Eva und Franco Mattes haben für ihre neue Arbeit Content Moderators interviewt und aus Zitaten dieser Gespräche eindringliche Videos geschaffen. Wir hören von schrecklichen Bildern, die nicht mehr aus dem Kopf wollen, von schwierigen Entscheidungen und von der Ungewissheit, was eigentlich passiert nach getaner Arbeit. Die Arbeiter wissen meist nicht, für welche Firma sie Bilder kontrollieren. Diskretion ist höchstes Gebot. Sie sind von Subunternehmern angestellt und sitzen oft in Billiglohnländern. Schwer, sich so mit dem Glanz von Silicon Valley zu identifizieren. Was bleibt, sind Massen drastischer Bilder. Die psychischen Folgen machen sich bei vielen bemerkbar. Aussteiger erinnern sich noch Jahre an das Bild oder Video, das sie zur Kündigung brachte.
Die Videos von Eva und Franco Mattes enthalten keine Schockbilder, sondern sind in der aalglatten Ästhetik von lizenzierten, frei verfügbaren «Stock Fotos» gehalten. Die Stimmen und Körper der anonymen Content Moderators - deren Arbeit sich noch nicht durch Maschinen ersetzen lässt - sind durch synthetische Stimmen und animierte Gesichter ersetzt. Zu sehen sind die Videos in monatlichen Folgen auf einer Seite im Darknet. Dieser Teil des Netzes ist nicht für die üblichen Browser und Suchmaschinen erschlossen. Er wird geschätzt von Aktivisten oder Whistleblowern, die auf Anonymität angewiesen sind, und ist berüchtigt für dunkle Aktivitäten, Anti-Zensur und anstössige Inhalte. Ein schöner Kniff der Arbeit von Eva und Franco Mattes, dass wir uns dorthin bewegen müssen, um vom Sauberhalten der Hochglanz-Orte des Webs zu hören.



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Ausgabe 1/2  2016
Autor/in Raffael Dörig
Künstler/in Eva Mattes
Künstler/in Franco Mattes
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