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Hinweis
1/2.2016




London : collectif_fact


von: Brita Polzer

  
collectif_fact, Annelore Schneider & Claude Piguet · At a Loss for Words, 2015, video stills


Mitten im Zentrum, nah bei Trafalgar Square liegt die Galerie Tenderpixel. Aktuell zeigt sie in ihren drei kleinen Räumen drei Arbeiten von collectif_fact, von Annelore Schneider (*1979) & Claude Piguet (*1977) - und flugs wird man weg aus der Enge und dem Getriebe der Londoner Innenstadt in drei auratische Gebäude und ihre Wohnlandschaften entführt. Jedoch: So grossartig und gepflegt diese Bauten, so gekonnt in ästhetische Bilder gefasst - Glück scheint sich hier nicht breitzumachen.
Im Schaufenster oben ist der neueste Film ‹At a Loss of Words›, 2015, zu sehen, gedreht im mietbaren «Shingle House» im Dorf Dungeness an der Küste Kents, gebaut vom Büro NORD architecture. Das Haus in seiner Vollendung konstrastiert ein Paar, das sich zunehmend zerfetzt und in Sprachlosigkeit verliert. Heruntergekommen und lieblos ist auch die Landschaft drumherum, zerrissen, fragmentiert, Wortfetzen auf Plakaten oder an Häusern spiegeln den Verlust des Kommunikationsflusses. Das freudlose Paar ringt darum, eine gemeinsame Sprache oder auch nur noch Worte zu finden, was weniger erzählt, denn mit filmischen Mitteln ausgedrückt wird - mit knappen und symbolträchtigen Bildern, die häufig verwackeln oder überblendet werden, der Ton fällt weg, Worte verschwinden. Ausser der so schönen Architektur scheint nichts mehr in sich zu ruhen, alles zerfällt, hat keine Bedeutung mehr, wird feindlich - «Words became murders» heisst es irgendwann.
Um Mord, zumindest um eine unterschwellige Gefährdung, geht es auch in den anderen Filmen. ‹Hitchcock presents›, 2010, zeigt erneut ein Haus als Filmkulisse, Le Corbusiers «Maison blanche» in La-Chaux-de-Fonds. Collectif_fact wandern mit ihrer Kamera in dem peinlich aufgeräumten und gepflegten Interieur herum und überlagern die Bilder mit einer aus dem Off erzählten mörderischen Hitchcock-Geschichte. Der dritte Film ‹The Fixer›, 2013, spielt im Londoner Barbican Centre, vom Architekturbüro Chamberlin, Powell and Bon gebaut. Die den Bildern unterlegte Story erzählt in der Ich-Form von einem Benny, called «the doctor» (script doctor) - und wieder sind die Räume mit einer Atmospäre von Verfolgung und Mord, von Überwachung und Ausgeliefertsein gefüllt.
Mit unterschiedlichen Mitteln werden in allen drei Filmen Architekturikonen als Tatorte, als psychische Brennpunkte inszeniert. Bieten sich perfekte und bewunderte Lebens- und Wohnkulissen besonders gut an, um in ihnen das Unvollkommene und die Gefährdungen des Lebendigseins darzustellen?
Zwei Arbeiten von collectif_fact sind aktuell auch im Rahmen von ‹All-Risk› (bis 29.2.) im Helvetia Art Foyer in Basel zu sehen.

Bis: 16.01.2016



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Ausgabe 1/2  2016
Ausstellungen collectif_fact [09.12.15-16.01.16]
Institutionen Tenderpixel [London/Grossbritannien]
Autor/in Brita Polzer
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