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1/2.2016




St. Gallen : Das Denken unterbrechen


von: Stefanie Manthey

  
links: Ausstellungsansicht Kunstbibliothek Sitterwerk, St.Gallen. Foto: Mathew Kneebone
rechts: Im Gästezimmer der Kunstbibliothek Sitterwerk, mit Arbeiten von Mathew Kneebone. Foto: Katalin Deér


Das Thema Zeichnung hat in der Schweiz spätestens seit Anfang der Sechzigerjahre einen besonderen Klang. Ausstellungen wie ‹Visualisierte Denkprozesse› und ‹Mentalität Zeichnung› (Kunstmuseum Luzern) markieren entscheidende Stationen, Zeichnungen als künstlerisches Medium zu verstehen und zu zeigen. Der Katalog zur legendären Szeemann-Ausstellung ‹Live in Your Head: When Attitudes Become Form› (Kunsthalle Bern, 1969) bezeugt als weiterzubestückende Mappe mit alphabetischem Register die uneingeschränkte Faszination für alles Prozesshafte als Gegenpol zur Statik von Objekten und Artefakten. Pionierinstitution für das Sammeln zeitgenössischer Zeichnungen war das Kupferstichkabinett Basel unter der Leitung von Dieter Koepplin. Gegenwärtig sind neben Basel das Kunstmuseum Winterthur und das Musée Jenisch besonders engagiert, wenn es darum geht, Zeichnungen präzise zu zeigen und die Forschung darüber voranzutreiben, was das Zeichnen als kulturelle Praxis und kuratorisches Format ausmacht. Mit der aktuellen Ausstellung bringt sich das Sitterwerk mit einer singulären Stimme ein. In der Kunstgiesserei gehören schnelle Skizzen zum alltäglichen Kommunizieren in der projektbezogenen Zusammenarbeit mit Künstlern wie Paul Mc Carthy, Urs Fischer und Fischli/ Weiss. Träger von Skizzen kann Papier sein, aber auch Ton und andere modellierbare Materialien. ‹Il libro del disegno› von Giorgio Vasari war vielleicht das erste Buch über die Handzeichnung. Eine Essenz an Publikationen zum Thema hat Eingang in die Bibliothek des Sitterwerks gefunden, die Roland Früh seit Herbst letzten Jahres leitet. Auf seine Initiative geht die aktuelle Ausstellung in den Räumen zurück, die sich die Kunstbibliothek mit dem Materialarchiv teilt. Sie bezieht auf selbstverständliche und anregende Weise alle Bereiche des Sitterwerks inklusive des Kesselhauses­ ­Josephson ein. Das Zeichnen selbst kennt keine disziplinären Grenzen zwischen Handwerker, Künstler und Typograf. Es ist ein bewährtes Mittel, um das ‹Denken zu unterbrechen›, so die These der Ausstellung im Rückbezug auf eine Skizze von Jacques Herzog. Was dadurch an Handlungswissen gewonnen, an Erfahrungswissen eingebracht, an intellektueller Reflexion und Freude am Experimentieren in gestalterischen Prozesse mit und ohne Schrift stimuliert werden kann, ist ein faszinierendes Feld, das sich auf Tischdisplays im Sitterwerk anhand von fünf Positionen, die Roland Früh schon länger verfolgt, entdecken und vertiefen lässt. Sie werden durch eine Auswahl anonymer Zeichnungen von Mitarbeitenden der Kunstgies­serei bereichert. Diese wird sich im Verlauf der Ausstellung ändern, bevor Monika Bartholomé im Rahmen eines Atelieraufenthalts im Sitterwerk klären wird, wie ihr Projekt ‹Museum für Zeichnung› Teil der Ausstellung werden kann. Teil des Begleitprogramms sind Anlässe und Workshops, die auch anderen Disziplinen Raum bieten.

Bis: 14.02.2016



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Ausgabe 1/2  2016
Ausstellungen Das Denken unterbrechen [22.11.15-14.02.16]
Institutionen Sitterwerk - Kunstbiblioth./Werkstoffarchiv/Kesselhaus Josephsohn [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Stefanie Manthey
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