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Editorial
3.2016




Editorial - Wechselseitige Formung von Körper und Material


  
TITELBILD · Maureen Kaegi · o.T., 2012, Öl auf Papier, 219x151 cm, Courtesy Galerie Mezzanin, Genf. Foto: Leonhard Hilzensauer


Sehen wir kristalline Strukturen, kaleidoskopische Reflexe, Lichtbrechungen? Maureen Kaegi will das Sehen sichtbar machen. Sie führt uns vor Augen: Sehen ist ein dynamischer Prozess.
Caspar David Friedrich, der wohl bekannteste Maler der Romantik, stellte einen einsamen Mönch ans Meer, über dessen Rücken wir in die unendliche Weite blicken. Die mit digitalen Medien aufgewachsene Kaegi lässt zwar nicht den Bildraum, doch den realen Raum davor durch einzelne Figuren bespielen. In einer ihrer Choreografien - sie ist selbst ausgebildete Tänzerin - bewegt sich eine Performerin geschmeidig durch die Galerie, nimmt lineare Konstruktionen, Muster oder digitales Rauschen auf, übersetzt dies in ihren Körper und leitet die Impulse wieder zu den Werken zurück. Den choreografischen Prozess beschreibt Kaegi wie folgt: «Die mit einer Videokamera aufgenommenen Recherchen werden oft digital konstruiert und wieder in den Körper übertragen.»
Ähnliches geschieht beim Malen: «Durch die Überstrapazierung von Techniken, die Wiederholung von Bildmustern werden rhythmisierende Strukturen erzeugt.» Die Künstlerin malt ihre Gemälde mit traditionellen Mitteln und in grosser Konzentration. Sie versteht Malerei als performativen Prozess. Wie beim Tanzen lässt sie Linien zu Mustern werden, die sich aus einem Punkt in die Fläche und den Raum entwickeln. Die Strukturen führen über das gegebene Format hinaus, suggerieren Bewegung und Stillstand zugleich. Doch wollen wir das Gemalte genauer erkennen, reicht Nähertreten nicht - gleich wie das Zoomen von Bildern auf einem Computerscreen nur zu Pixeln führt. So wenig, wie Information Wissen ist, bedeutet die Aufnahme von visuellen Impulsen Sehen. Wahrnehmung ist ein mehrdimensionaler Prozess. Dies lässt Kaegi mit ihrem Pendeln zwischen unterschiedlichen Realitäten und ­Medien erhellend deutlich werden.



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Ausgabe 3  2016
Autor/in Claudia Jolles
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