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Fokus
3.2016


 Kein anderes Medium verdankt den kleinen freien Kunsträumen so viel seines Durchbruchs wie der schon vor hundert Jahren in die bildende Kunst geschmuggelte Ton. Verabschiedete sich das Genfer Centre d'édition contemporaine 1999 mit einer sonoren Installation von seinem Erststandort, legt seine Direktorin ­Véronique Bacchetta jetzt einen berührenden Stimmenkatalog seiner Kunstschaffenden vor.


Centre d'édition contemporaine - Artist's voices


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Tobias Madison · Untitled, 2015, Ton, 2'15", Kunstharz, 17 Teile (im Foto rechts vor der Tür), Dimension variabel. Ausstellungs­an­sicht Centre d'édition contemporaine, Genf. Foto: Sandra Pointet
rechts: Tobias Kaspar · Heart Bite Valentine's Teddy, 2015, Schachtel, Stoffbär mit angebissenem Herzen, Gedicht des Künstlers, Schallplatte mit Aufnahme der Lesung dieses Gedichts von Karl Holmqvist an der Valentine's Day Party bei Stefan Kalmar New York, 5'13", persönliche Einladungs­karte sowie Fotografie, Edition 10 Ex., 3 E. A. und 2 H. C., Edition Tobias Kaspar und CEC, Genf. Foto: Sandra Pointet


‹Artists' Voices› im Centre d'édition contemporaine/CEC ist eine widerspenstige Ausstellung. Dies liegt weniger daran, dass sie Zeit braucht - über vier Stunden sind nötig, wenn man sich sämtliche 28 Werke anhören will. In ‹Artists' Voices› kann vielmehr nur eintauchen, wer bereit ist, beim Überstreifen eines der an der Wand aufgereihten Kopfhörers aus der unmittelbaren, berechenbaren Gegenwart zu treten und sich im nächsten Moment einsam, desorientiert und verletzbar zu fühlen. Erst so tut sich ein unerwarteter fremder Erlebnisraum auf. Obwohl nur Schall, schwingt in diesen Arbeiten eine Überschreitung des Körpers mit, findet doch alles Sprechen, Singen, Weinen, Atmen - anders als bei niedergeschriebenen Worten und gezeichneten oder gemalten Bildern - nach wie vor gleichzeitig innerhalb und ausserhalb der eigenen Person statt.
In den einzigen zwei Arbeiten in dieser Ausstellung, die jenseits technischer Geräte eine visuelle Qualität aufweisen, wird die besondere Intensität der illusionären Intersubjektivität antizipiert, in der vielleicht letzten Endes stets die Kraft von Kunst liegt. Relativ plausibel sah jedenfalls der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald W. Winnicott in der Gestaltung dieses imaginativen Übergangsraumes zwischen der Mutter und dem von ihr getrennten Säugling mittels geeigneter Stimuli den Anfang nicht nur der Identitätsbildung, sondern auch jedes Kunstschaffens. So baut sich zwischen den Werken von Tobias Kaspar und Tobias Madison, die immer auch das Kunstsystem generell befragen, nicht weniger als ein Spannungsfeld zwischen Liebe und Tod auf - und damit zwischen der Präsenz und Wärme einerseits, die sich der Säugling und potenzielle spätere Kunstschaffende so aus eigenem Vermögen in sein Leben zurückholt, und der Absenz und Kälte andererseits, die ihn bedroht.

Kuratorische Zäsur
Von Kaspar sind im Hauptraum des CEC die zehn Exemplare der kuscheligen Edition ausgelegt, die das CEC anlässlich der Eröffnung von ‹Artists' Voices› herausgegeben hat. Diese beschert uns eine rosa Tortenschachtel, in deren Deckel eine Fotografie der Valentine's Day Party 2015 in der Wohnung des heutigen Direktors des legendären New Yorker Artists' Space, Stefan Kalmár, steckt, während sich im Inneren ein vom Künstler entworfener Plüschbär sowie eine Schallplatte verbergen. Auf dieser Vinylscheibe ist dabei die performative Lesung der Widmung des Künstlers auf der Etikette des Teddys durch Karl Holmqvist an jenem Abend aufgezeichnet.
Den schauerlichen Gegenpart nimmt das von Tobias Madison neben der Eingangstür des CEC im anderen Raum montierte Windspiel ein. Aus den hier baumelden Gebeinen scheint uns die Stimme eines ruhelosen, uns die Hölle heiss machenden Geistes entgegenzuscheppern - kaum wahrnehmbar, so dass man selbst ganz nahe daran noch unsicher ist, ob man diese tatsächlich oder nur vermeintlich hört.
Bacchetta ging es bei ‹Artists' Voices› in der Tat um eine «abstrakte» Form von Kuratieren. «Ausstellungen sind stets konkret: Bücher, Blätter, Gemälde, Plastiken. Es gibt jedoch Momente, in denen es mir wichtig erscheint, sich mentaler mit den Künstler/innen und ihrer Arbeit auseinanderzusetzen, und ich finde, dass der Ton diese Dimension schafft, den Raum weniger objektgebunden besetzt. Er sorgt für eine kuratorische Zäsur.»
Die aktuelle Tonausstellung ist dabei in Verbindung mit dem von ihr seit der Ankunft des CEC 2014 im Quartier des Bains in Genf aufgegleisten Katalog sämtlicher Editionen entstanden: «Da die Mittel für den Druck dieses Buchs noch ausstehen, habe ich mir gesagt, dass ich erst einen Stimmenkatalog herstelle und damit eine andere Gedächtnisform an die Künstler/innen, mit denen ich gearbeitet habe, zurzeit verkehre oder für ein künftiges Projekt in Kontakt getreten bin. Natürlich spricht man sich dabei oft, unter anderem am Telefon, und ich habe realisiert, wie stark sich mir, wenn auch weitgehend unbewusst, das Volumen, die Lage, die Farbe und der Rhythmus ihrer Stimmen eingeprägt haben. Ich habe deshalb den Künstlern und Künstlerinnen mit einer Affinität zum Ton vorgeschlagen, für das CEC ein sonores Werk mit ihrer Stimme zu gestalten. Wie immer haben sich die Künstler/innen meinen Auftrag angeeignet und unterlaufen, so dass dabei sehr unterschiedliche Arbeiten herausgekommen sind.»
Wie aber hat Bacchetta unter den Kopfhörern dann Ordnung geschaffen? Gar nicht! «Es gibt keine Kapitel. Ich habe die Werke schlicht nach dem Eintreffen der MP3-Dateien ausgelegt. Ich mag es tatsächlich, wenn sich in Ausstellungen alles im Einzelwerk abspielt, ob daraus im Kopf nun Muster entstehen oder nicht», so die gewichtige Antwort der erfahrenen Kritikerin, Kuratorin, Intendantin.

Das Einzelwerk im Vordergrund
Versuchen wir in diesem Sinne einige Perlen aufzufädeln. Die eindrücklichsten Werke in der Ausstellung sind gewiss denjenigen Kunstschaffenden zu verdanken, die häufig als Poet/innen, Singende und Sprechende auftreten. Einfach ergreifend, wie Rita Akkerman mit ihrem Electro-Sound-Song ‹Jump on me› die Lust zu Purzelbäumen zu zweit anfacht! Wie die junge Julia Essyad in ‹Prophecy Podcast Nr. 1› der zu lange totgesagten «écriture féminine» neues Leben einhaucht! Wie Gilles Furtwängler uns aus dem in seiner Repetition total abtörnenden Satz ‹The violence for Peace, this is the common good› durch zärtliche Worte erlöst!
Aber auch von Thomas Hirschhorns Aufzeichnung seines berühmten Manifests ‹Pourquoi je fais de l'art› springt der Funken seines viszeralen, idealistischen Ansatzes stärker über, als wenn man vor einem grauen, stumpfen Druck derselben Worte sitzt. Umgekehrt schmerzt Valentin Carrons und Emanuel Rossettis in ein Gedudel respektive ein Geklingel übersetzte distanzierte, sarkastische Sicht auf die Dinge das Ohr sehr bald. Fabian Marti und Sylvie Fleury wiederum führen uns in eine spirituelle Welt. So wirkt die täglich praktizierte Yoga-Atemübung, an der uns Ersterer intim teilhaben lässt, wohltuend, während man vom Tondiptychon der Letzteren zu einem harmonisierenden Überblenden der darin suggerierten Bilder animiert wird. So malt man sich anhand der changierenden Geräuschkulisse aus, wie die Künstlerin durch eine dunkle Tiefgarage stöckelt und an einem Strand mit Delphinen spielt.

Stimmen im kulturellen Lärm

Die grösste Gruppe von Werken in ‹Artists' Voices› besteht jedoch ohne Zweifel aus Appropriationen fremder Worte, Lieder und sogar Stimmen. Dann aber hört es auch hier mit der Übersichtlichkeit auf. Es geht um Auslotungen des Nebulösen des Geschlechts (Claire Fontaine), um Formalismen einer Epoche und einer Kultur ­(Gerald Byrne, Jean-Michel Wicker), um die Musikalität der Typografie (Ricardo ­Valentim) oder das Phänomen des White Noise (Jonathan Monk). Auch ein Manifest findet sich darunter, das der zu Rede gewordenen Schreibe von Hirschhorn in nichts nachsteht, nämlich das monumentale ‹Interview› von Alexandre Bianchini.
Dieser über fünfzigminütige Zusammenschnitt der Aussagen von über drei Dutzend für den Künstler exemplarischer Kunstschaffender aller Gattungen (Bon Scott, Lou Reed, Tracey Emin, Lucian Freud, Neal Cassady, Samantha Fox...) lässt erahnen, wie sehr es sich bei jeder künstlerischen Haltung immer nur um einen Cluster vorangegangener Positionen handelt. Jeder Kunstschaffende schafft sich sein eigenes Selbstverständnis mittels der Stimmen, die er aus dem kulturellen Lärm gefischt hat, in den er selbst wieder eingehen wird. So führt uns Bianchini mitten im ‹Interview› von einem Anonymen über einen Punk, eine Prostituierte und einen Soldaten auch zu einem Todgeweihten - ganz ähnlich wie er in seinen visuellen Arbeiten ­Totenköpfe durch Gitterstrukturen gleiten lässt. Es gibt eine Wand, hinter der alles verschwinden wird, selbst die auf «Ewigkeit» angelegten künstlerischen Schöpfungen. Dennoch ist es für die Entfaltung und den Fortgang einer vielfältig funkelnden Kultur unentbehrlich, dass die Lebenden ihre eigene illusionäre Intersubjektivität nicht nur im Austausch von Banalitäten entwickeln können, sondern auch zwischen den sensibel ausgeloteten, intelligent bespielten und generös aufgeladenen imaginativen Übergangsräumen individueller Künstlerpersönlichkeiten.
Katharina Holderegger, Kunsthistorikerin, Kritikerin und Kuratorin, lebt mit Familie in Gland VD und Paris. kholderegger@hotmail.com

Bis: 26.03.2016


Véronique Bacchetta (*1959) lebt in Genf
1984-1985 Centre d'art visuel (später Art en Île)
seit 1985 Mitarbeiterin im Centre genevois de gravure contemporaine (seit 2001 Centre d'édition contemporaine), seit 1992 Leiterin des Centre
Autorin für Zeitschriften wie Scènes Magazine, Parachute, Kunstbulletin, faces, Parkett, Purple fashion und Kataloge sowie regelmässige Tätigkeit als freie Kuratorin

‹Artists' Voices: Exposition sonore avec Rita Ackermann, Alexandre Bianchini, Gerard Byrne, Valentin Carron, Claire Fontaine, Jason Dodge, Giulia Essyad, Sylvie Fleury, Gilles Furtwängler, Mathis Gasser, Marcus Geiger/Heimo Zobernig, Vivienne Griffin, Thomas Hirschhorn, Tobias Kaspar et Karl Holmqvist, Anne Le Troter, Beat Lippert, Tobias Madison, Fabian Marti, Jonathan Monk, Damián Navarro, James Richards, Emanuel Rossetti, Ryan Conrad Sawyer, Ramaya Tegegne, Ricardo Valentim et Jean-Michel Wicker›.

Performances, Lesungen, Konzert am 17. 3.; die Werke werden im April auf vier Vinyl-Scheiben editiert und auf die Website gestellt.



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Ausgabe 3  2016
Ausstellungen Artists' Voices [10.12.15-16.04.16]
Institutionen Centre d'édition contemporaine [Genève/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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