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Fokus
3.2016


 Bekannt wurde Clare Goodwin mit Arbeiten im Stil der Hard-Edge-Malerei. Präzise Strukturen und klar gegeneinander abgegrenzte Farbflächen dominieren ihre Gemälde. Doch die in ­Zürich lebende britische Künstlerin verlinkt ihre abstrakten Bilder eng mit dem Blick auf die soziale Realität. In ihrer Ausstellung ‹Constructive Nostalgia› im Centre Pasquart in Biel bündelt sie Gemälde aus den letzten zehn Jahren und narrative Environments zu einer anspielungsreichen und anregenden Übersicht über ihr bisheriges Schaffen.


Clare Goodwin - Erzählerische Hard-Edge-Malerei


von: Alice Henkes

  
links: William, 2014, Acryl auf Leinwand, 300x180 cm. Foto: Stefan Rohner
rechts: Constructive Nostalgia, 2016, Ausstellungsansichten Centre Pasquart, Biel. Foto: Patrick Christe


Holly Golightly nennt ihren Kater einfach nur Kater. Die Protagonistin aus Truman ­Capotes Erfolgsroman ‹Frühstück bei Tiffany› gibt ihrer Katze bewusst keinen ­Namen, denn sie und das Tier sind sich nur zufällig begegnet. Menschen wie Holly Golightly, die ihren vierbeinigen Begleiter einfach Katze oder Mops nennen, trifft man auch im realen Leben. Man kann sie für Puristen halten oder für Exzentriker. Sie sind auf alle Fälle eine Minderheit. Das Benennen eines Lebewesens ist ein wichtiger und entscheidender Vorgang. Oft werden sogar leblose Dinge mit Namen versehen und auf diesem Weg der menschlichen Gemeinschaft einverleibt.
Die Taufe zählte früher zu den wichtigen Festen im christlichen Lebenszyklus. Sie verband das Kind nicht nur mit Gott, sie gab ihm auch einen Namen und machte es zu einem Individuum mit klarem Profil. Der Nachname, oft aus Berufs- und Ortsbezeichnungen entstanden, verbindet seine Träger mit ihren Familien. Der Vorname aber ist ein Spielfeld für die Fantasie der Eltern, die mit der Namenswahl Esprit und Bildung beweisen oder einfach dem Zeitgeschmack folgen können. Nicht nur Trendforscher können an Vornamen ablesen, welchem Milieu ihre Träger angehören und welcher Generation, auch Laien wissen, dass Heinrich und Finn wahrscheinlich nicht zur gleichen Altersgruppe gehören.

Namen als Anreiz zum Nachdenken
Diese überindividuelle Signalwirkung von Namen spielt auch im Werk von Clare Goodwin eine grosse Rolle. Wenn die Künstlerin ihren abstrakten Gemälden Namen gibt wie ‹Ruth› oder ‹Nigel and Trish›, so hat das weniger mit jenem Vermenschlichungs- und Aneignungsprozess zu tun, der dahintersteckt, wenn man dem Auto und dem Computer Kosenamen gibt. Für Goodwin ist die Namensgebung eine Möglichkeit, ihre klar strukturierten - und in ihrer Ordnung etwas entrückt wirkenden - Gemälde an die Realität zurückzubinden. ‹Namen geben eine andere Möglichkeit, über die Bilder nachzudenken, als es technisch klingende Bezeichnungen wie Konstruk­tion Nr. 4 tun könnten», sagt Goodwin.
Die Namen machen aus ihren streng komponierten Hard-Edge-Bildern ein vielschichtiges Gegenüber, mit dem man in einen Dialog treten kann. Goodwin bezeichnet ihre Bilder auch als Porträts. Es sind Porträts fiktiver Personen, die in eine reale Zeit, eine reale Gesellschaftssituation eingebettet sind. Ob ‹Brenda› oder ‹Tony› - die Namen, welche die in Zürich lebende Künstlerin aus Birmingham ihren Bildern gibt, sind Namen, die in Grossbritannien in den Vierzigerjahren beliebt waren. In den Siebzigerjahren, als Goodwin Kind war, hiessen viele Erwachsene so.
Nicht nur die Namen weisen zurück in die Vergangenheit, auch die Farbpalette spiegelt, zumindest in den älteren Arbeiten, den Zeitgeschmack der Siebzigerjahre. In den ‹Kitchen Paintings›, die etwa ab der Jahrhundertwende entstanden, begegnet man den Braun-, Beige- und Orangetönen, die in jener Zeit, als die grosse Fortschrittseuphorie der Sechzigerjahre langsam einer Besorgnis um die Umwelt wich, Wärme und Naturverbundenheit symbolisieren sollten. Formal orientieren sich Goodwins ‹Kitchen Paintings› an Einbauküchen, die aus verschiedenen Modulen in Normmassen zusammengesetzt werden und so eine Synthese aus Vereinheitlichung und individueller Raumgestaltung bilden.

Charme der Aufsteiger
Die Ausstellung zeigt einige dieser älteren Arbeiten im Altbau des Kunsthauses. In einem Saal liegt ein hellbrauner Synthetik-Teppich, der zu lang für den Raum ist: Ein Teil des Teppichs liegt aufgerollt an der Wand. Auf dem Teppich stehen Tischchen mit Gläsern und Cornichons aus Bronze. Goodwin, die selbst auch immer wieder Ausstellungen kuratiert, spielt hier darauf an, dass Teppichböden im Grossbritannien der Siebzigerjahre relativ teuer waren und Menschen mit tieferem Einkommen davor zurückschreckten, Teppichboden passgenau für ein Zimmer zuschneiden zu lassen - weil man ihn dann bei einem Umzug nicht mehr mitnehmen konnte.
Goodwin, die in ihrem Atelier eine grosse Sammlung an Gebrauchs- und Dekora­tionsgegenständen jenes Jahrzehnts aufbewahrt, interessiert sich keineswegs nur für die, von heute aus gesehen, etwas bizarre Ästhetik der Siebzigerjahre. Ihr Blick zurück geht tiefer, erfasst soziale Strukturen einer Zeit, die von Unruhen wie den Bombendrohungen der IRA, vor allem aber auch von Aufstiegsträumen gekennzeichnet war. Und die von der heutigen Gegenwart aus gesehen, in der die Mittelschicht sich mit Abstiegsängsten plagt, einen wohligen Charme ausstrahlt.
Goodwin betrachtet dieses Jahrzehnt ihrer Kindheit mit einer leisen, zärtlichen Ironie, die auch in ihren jüngsten Arbeiten spielt, wie den ‹Curtain Paintings›. Mit ­ihren sauber begrenzten vertikalen Strukturen erinnern diese Bilder an Vorhänge mit steifen Faltenmustern oder die Lamellen einer Jalousie. Sie evozieren damit die Vorstellung von Einblicken und Ausblicken. Ein Motiv, das sehr eng mit Goodwins Arbeit verknüpft ist. Denn in ihren Bildern geht es um wesentlich mehr als um Strukturen und Farben. Ja, obwohl Goodwin selbst sich als Hard-Edge-Malerin versteht, geht es ihr eigentlich gar nicht so sehr um Klarheit in der Konstruktion. «In meiner Arbeit ist keine Logik», sagt sie, «damit grenze ich mich von anderen Hard-Edge-Künstlern ab.»

Anstiftung zum Fantasieren
Diese Abgrenzung wird in der Präsentation sichtbar, die Goodwin im Kunsthaus Pasquart wählt. ‹Spacial Intervention› nennt die Künstlerin die Arrangements aus Bildern und Objekten, die oft sehr direkt auf Lebensgewohnheiten der britischen Mittelschicht der Siebzerjahre Bezug nehmen. Der Saal mit dem zu grossen Teppichboden, den Cocktailtischchen und den ‹Kitchen Paintings› ist ein schönes Beispiel dafür. Doch auch die Namen der Bilder weisen klar über die Hard-Edge-Grenze hinaus. Wenn Goodwin Bilder ‹Richard and Sylvie› oder ‹Nigel and Trish› nennt, kann man das als Verweis auf ein Zusammentreffen verschiedener Form- und Farbelemente lesen. Man kann sich fragen, welche Dynamik im Bild entsteht, wenn ein Purpurrot auf Streifenmuster trifft. Aber man kann sich auch fragen, wer Richard und Sylvie sind. Freunde, Nachbarn, Ehepartner? Sind sie glücklich oder streiten sie, oder haben sie Angst vor der Zukunft?
Goodwin unterstützt diese ins Narrative zielende Lesart ihrer Bilder. Für ihre Publikation im Rahmen der ‹Collection Cahiers d'Artistes› der Pro Helvetia lud sie Rebecca Geldard und Andreas Vogel ein, zu zwei Bildern und ihren Namen fiktive Personenbeschreibungen zu entwerfen. In Biel ermunterte sie Studierende des Schweizerischen Literaturinstituts, sich von ihren Bildern zu Erzählungen anregen zu lassen.
Alice Henkes (*1967, Hannover), lebt in Biel. Studium der Germanistik und Soziologie, arbeitet als Kulturredaktorin für das ‹Bieler Tagblatt› und als freie Kunstkritikerin und Kuratorin. alice.henkes@bluewin.ch

Bis: 10.04.2016


Clare Goodwin (*1973, Birmingham) lebt in Zürich
1996-98 Royal College of Art London, MA Painting
1993-96 Winchester School of Art, BA Painting
2002 Co-Gründerin K3 Project Space, Zürich
seit 2001 Dozentin für Malerei, F&F Schule für Kunst und Mediendesign, Zürich
Einzelausstellungen (seit 2005)

2014 ‹Broken Parallels›, Karin Sachs Galerie, München; ‹Bardford's Jolly›, Christinger De Mayo, Zürich
2013 ‹Unforced Errors›, CGP London
2012 Kunsthalle Winterthur (mit Conrad Ventur und Mircea Nicolae)
2011 ‹Kiss on the Blue›, Rotwand Galerie, Zürich
2009 ‹Still Lived›, Rotwand Galerie, Zürich
2009 UBR Galerie, Salzburg
2009 ‹Künstlerverein Malkasten›, Düsseldorf
2006 ‹TV Shop Un-Plugged›, Message Salon, Zürich
2005 ‹Hidden Heat›, StaubKohler Galerie, Zürich

Kuratierte Projekte
2015 ‹The Museum of the Unwanted›, Kunstmuseum Olten
2015 ‹Distressed Geometry›, Kunstraum Baden
2014 ‹Say it in Words›, Coleman Project Space, London
2014 ‹The Museum of the Unwanted›, Kolinplatz Kunstraum, Zug



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Ausgabe 3  2016
Ausstellungen Esther van der Bie, Clare Goodwin [31.01.16-10.04.16]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Clare Goodwin
Link http://www.k3zh.ch
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