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Fokus
3.2016


 Selten ist die Datierung bei einem Bild so wichtig wie bei dieser Fotografie, die zwei Frauen, genauer die Fragmente ihrer Körper, gegeneinander ausspielt, sie hinter- und übereinander setzt. Das Bild, das so radikal modern erscheint, ist eine 1852 entstandene Daguerreotypie.


Ansichten - Montierte Erinnerung


von: Felix Thürlemann

  
Désiré François Millet · Im Atelier von Jean Auguste Dominique Ingres, Daguerreotypie, 1852, 14,9x11,2 cm, Montauban, Musée Ingres


Wir sind im Pariser Atelier des Malers Jean Auguste Dominique Ingres. Ein profes­sioneller Fotograf, Désiré François Millet, hat die Kamera dort aufgestellt und macht vier Aufnahmen. Drei von ihnen sind handwerklich solide Reproduktionen von Gemälden des damals siebzigjährigen berühmten Malers. Nur die vorliegende hat den Charakter eines ästhetischen Experiments, bei dem die Fotografie sich als neues ­Supermedium zwei Gemälde zu Diensten macht und sie einander gegenüberstellt. Die Fragmentierung der Gemälde durch den Cadre hat zur Folge, dass wir vorerst nicht Bilder, sondern zwei Frauen sehen: eine nackte, etwas füllige, anscheinend schlafend auf einem Bett ausgestreckt, und, dahinter, stehend, eine vermutlich bekleidete mit Blumen im Haar. Die Körper beider Frauen sind auf die Betrachter/innen hin ausgerichtet. Die vordere, liegende, ist scharf konturiert, die hinter ihr stehende ist undeutlich und zudem von den Holzlatten der Staffelei so überschnitten, dass gerade ihre beiden Augen verdeckt sind. Wie die Schlafende kann sie uns nicht sehen, während wir sie beide - zum Teil wenigstens - sehen können.
Der Konservator des Musée Ingres hat die Daguerreotypie vor wenigen Jahren entdeckt, als er die Schubladen des Schreibtischs des Malers, der heute im Salon mit der berühmten Violine steht, näher inspizierte. Eines der beiden dargestellten ­Gemälde liess sich leicht identifizieren. Die Figur im Hintergrund ist das Porträt von Madame Moitessier (heute Washington, National Gallery), das Ingres im Dezember 1851 fertiggestellt hatte. Das querformatige Aktgemälde vorn auf der Staffelei muss viel früher, in den 1820er-Jahren, entstanden sein. Das Modell war Ingres' ­erste Frau, Madeleine Chapelle. 1852 war das Werk, da sie drei Jahre zuvor verstorben war, ­bereits eine Darstellung post mortem. Die an Tizian orientierte Aktdarstellung in Lebensgrösse, die einen sehr privaten Charakter hat, existiert heute nicht mehr. Man vermutet, dass Ingres selbst das Werk zerstört hat. Im gleichen Jahr, in dem die fotografische Aufnahme entstand, heiratete Ingres seine zweite Frau, die nie für ihn posieren sollte. Es ist nicht auszuschliessen, dass Ingres selbst, kurz bevor er vom Gemälde Abschied nahm, diese ungewöhnliche Bildmontage im Blick durch die Mattscheibe konzipierte und deshalb als ihr eigentlicher Autor gelten kann. Die Kadrierung ist so gewählt, dass mehr noch als das Aktgemälde selbst die darauf dargestellte Frau ihre Erinnerungsspur auf der polierten Silberplatte hinterlassen hat.
Felix Thürlemann, bis 2014 Professor für Kunstwissenschaft/Kunstgeschichte, Uni Konstanz, div. Publikationen, ‹Montierte Wirklichkeiten› erscheint 2017, Wilhelm Fink Verlag. felix.thuerlemann@uni-konstanz.de



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Ausgabe 3  2016
Autor/in Felix Thürlemann
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