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Besprechung
3.2016


Niklaus Oberholzer :  Seit den Achtzigerjahren bedient sich Christoph Rütimann der Zeichnung. Zeichnen ist dabei sichtbarer Niederschlag seiner Befindlichkeit an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit - ob auf dem Papier, als Skulptur im Raum oder als ­Video-Aufzeichnung eines Gangs durch die Stadt.


Solothurn : Christoph Rütimann - Die Linie im Kopf


  
Christoph Rütimann · Die grosse Linie, 1989, installiert als Sammlungslinie im Kunstmuseum Solothurn, 2016 ©ProLitteris. Foto: Dominique Uldry


‹Die Linie im Kopf›: Diesen Titel gibt Christoph Rütimann (*1955) seiner Ausstellung. Die Linie ist im Kopf - seit den Achtzigerjahren schon. Aus dem von unendlich vielen Sinneseindrücken genährten Reservoir drängt sie im Fluss stets wechselnder Formen und Rhythmen nach aussen. Die Randbedingungen ändern sich, die Orte des Entstehens: Venedig, London, Amman, die Landschaft um seinen Lebensort Müllheim, oder das Werkzeug: meist Feder oder Pinsel oder in Tusche getauchte Stäbe, auch einmal Palmwedel. Mal zieht sich die Linie in grossen, aus der Bewegung des Arms wachsenden Bögen über das Papier. Mal sehen wir feine Kritzeleien, mal rhythmisierte Schreibbewegungen. Mal bestimmt das eng begrenzte Format das Geschehen, mal gibt es keine Begrenzung, und das Ende der riesigen Papierbahn bleibt aufgerollt, sodass uns die Fortsetzung des Geschehens verborgen bleibt. Auch der Ausgangspunkt kann wechseln: Überwiegend lässt Rütimann die Linien auf weisses Papier fliessen, mitunter aber bearbeitet er eigene Fotos von Schnee oder Fotofax-Papier. In den farblich feinfühlig veränderten Erdgeschossräumen des Solothurner Museums zeigt der Künstler sein Werk in einer unaufdringlich strukturierten und rhythmisierten Installation.
Rütimann kümmert sich in seiner Kunst um Mathematik, Geometrie, Physik und Vermessung. Auf den ersten Blick ist in den spontanen Zeichnungen von der Rationalität seiner Beschäftigung mit Tetra- oder Hexaedern nichts zu spüren. Hüten wir uns aber vor Kurzschlüssen, denn der Künstler richtete seine Interessen schon immer nach ganz verschiedenen Richtungen, die am Ende aber stets aufs Gleiche zielen - auf ein umfassendes Erkennen mit visuellen Mitteln, die sich nicht nur ­ergänzen, sondern sich gegenseitig wohltuend und vielleicht auch quälend in Frage stellen, was die Besucherinnen und Besucher in einen komplexen, von Ordnungen und ­Chaos, Notwendigkeit und Zufall geprägten Erkenntnis-Strudel hineinzieht. In Solothurn erweitert er den Zeichnungsbegriff überdies mit ‹Handlauf›-Videos, mit denen er (Erlebnis-)Linien kreuz und quer durch London oder Venedig legt. Die Installation dieser Videos unterstützt er mit eigens von London herbeigeschafften und für diese Stadt typischen orangen Baustellenschranken. Im Obergeschoss stellt Rütimann mit einer Linie quer durch die wunderbare Solothurner Sammlung Fragen zu Verbindendem und Trennendem in der hier präsentierten Kunst.

Bis: 03.04.2016



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Ausgabe 3  2016
Ausstellungen Christoph Rütimann [23.01.16-03.04.16]
Institutionen Kunstmuseum Solothurn [Solothurn/Schweiz]
Autor/in Niklaus Oberholzer
Künstler/in Christoph Rütimann
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