Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
3.2016


Sabine Rusterholz Petko :  Simon Callery und Finbar Ward könnten Vater und Sohn sein. Trotz des Generationenunterschieds werden die beiden von ähnlichen Fragen angetrieben. Sie zerlegen das Medium ­Malerei in seine Rohmaterialien - Leinwand, Keilrahmen, Farbe - und bauen die Komponenten anschliessend neu zusammen.


Zürich : Materialerei


  
Simon Callery · Wallspine, 2015; Finbar Ward · Archive II, 2015, Installationsansicht annex14, 2016, Courtesy annex14/Fold Gallery ©ProLitteris


Es scheint fast, als bewegten sich die beiden Briten auf der Suche nach der Aktualität der einst für tot erklärten Malerei gegenläufig aufeinander zu. Der ältere Simon Callery (*1960) nennt seine Arbeiten explizit «Paintings» und siedelt sie dennoch mit objekthafter, physisch erfahrbarer Präsenz im Raum an. Seine Leinwände werden durch Imprägnierung mit Pigmentfarbe wie Cadmiumrot oder Chromoxidgrün monochrom eingefärbt. Anschliessend vernäht er sie zu Bahnen und drapiert sie auf von der Wand abstehende Profile. Oder er verwendet geschwungene Holzkeilrahmen, die er mit Leinwand bezieht und als Wandobjekte zeigt. Seine Experimente befreien die Malerei aus ihrer Begrenzung auf die Fläche. Solche Ansätze sind nicht neu. Bereits in den Sechzigern lösten Shaped Canvases und die Minimal Art die Malerei vom flachen Träger in den Raum. Das Eigenständige liegt bei Callery eher in einer Hybridisierung, die Skulptur und Malerei gleichzeitig einschliesst und als Erfahrungsraum etabliert. Die Leinwände erscheinen als instabile, durchlässige Objekte, die sich weder ganz der Malerei noch ganz der Skulptur zuordnen lassen.
Finbar Wards (*1990) Arbeiten erscheinen noch stärker als dem Minimalismus verpflichtete räumliche Skulpturen. Frühe Werke des britischen Bildhauers Tony Cragg aus den Siebzigern, der Zivilisationsmüll in vergleichbarer Weise in minimalistische Skulpturen schichtete, standen wohl Pate. Ward arbeitet jedoch wie Callery mit dem rohen Material der Malerei. In ‹Archive II›, 2015, schichtet er Atelierramsch, bemalte Leinwandstücke, Holzrahmenleisten oder Betonplatten zu einer architektonisch anmutenden Skulptur. Wie der Titel andeutet, erscheint sie als grosser Archivschrank. Ward verfolgt wie Callery einen offenen Prozess. Verworfenes rezykliert er in nachfolgenden Werken. So werden bemalte Leinwände derart in das «Archiv» geschoben, dass die Malerei unsichtbar wird. Transformation, Unbeständigkeit und das Scheitern stehen konzeptuell über dem vollendeten Werk. Die Malerei ist Arbeitsmaterial für Skulpturen und gleichzeitig erfährt die Skulptur eine malerische Oberfläche. Auch hier durchdringen sich die Medien und bilden eine eigene hybride Form.
Angesichts der heutigen digitalen Bilderflut und gewisser Tendenzen in der Kunst, diese zu spiegeln, sind die beiden Positionen klar der Langsamkeit malerischer Prozesse und dem Upcycling von Material verschrieben. Ihre rohe Ursprünglichkeit bietet Slow Food für die Sinne und zeigt interessante Referenzen, nicht nur in die Kunstgeschichte, sondern auch in eine potenzielle Zukunft.

Bis: 12.03.2016



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 3  2016
Ausstellungen Simon Callery, Finbar Ward [22.01.16-12.03.16]
Institutionen annex14 [Zürich/Schweiz]
Autor/in Sabine Rusterholz Petko
Künstler/in Finbar Ward
Künstler/in Simon Callery
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=160220155155Y8A-13
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.