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Besprechung
3.2016


Daniel Morgenthaler :  Adrian Paci geht in der Galerie Peter Kilchmann der Migration nach - von Menschen, aber auch von Wörtern. Der Fund Hunderter ungeöffneter Briefe in Albanien bildet das Rückgrat seiner neusten Videoinstallation ‹Sue Proprie Mani› mit Briefen, die er nun Jahrzehnte später ankommen lässt.


Zürich : Adrian Paci - Sue Proprie Mani


  
Adrian Paci · His Own Hands (Sue Proprie Mani), 2015, in Kooperation mit Roland Sejko, 5 Kanal Video Installtion, Farbe, Ton, 17'25", mit Drucken von 12 Umschlägen und diversen Briefen, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich


Es ist fast wie beim Einparken: Statt in eine Parklücke werde ich hier in die Ausstellung gewinkt. Für eine neue Serie von Malereien hat der albanische Künstler Adrian Paci (*1969, Shkoder) Pressebilder von in Italien ankommenden Migrant/innen nachgemalt. Die Kontextverschiebung bewirkt, dass unklar bleibt, ob es sich hier um die mehrfach abgesicherte Zürcher Seeüberquerung handelt - oder um die letzten Meter einer hochriskanten Schiffsreise, die schwimmend zurückgelegt werden. Ob sich die Menschen in den Zügen freudig winkend verabschieden oder mich ebenso freudig begrüssen. Die Kontextverschiebung macht auch klar, was Migra­tionsforscher wie Mark Terkessidis schon vor der aktuellen Migrationskrise vertraten: dass wir alle Migrant/innen sind - und es nur eine Frage der politischen Situation und des Jahrzehnts oder Jahrhunderts ist, wer gerade wem freudiger zuwinkt.
Neben dieser zweideutigen Migrationsgestik relativiert auch die zentrale Arbeit von Adrian Pacis Ausstellung ‹Sue Proprie Mani› die heute gängige - und nervige - Migrationsrhetorik: Paci sind zwei Jutesäcke von Briefen in die Hände gefällen, die in einem Lagerhaus in Albanien gefunden wurden. Es handelt sich dabei um Briefe, die Italiener/innen nach Hause geschrieben hatten. Die aber nie angekommen sind - wie so viele ertrunkene Migrant/innen heute. Nach der italienischen Besetzung Alba­niens im Zweiten Weltkrieg waren rund 24'000 Italiener/innen im Land verblieben, ohne nach Italien zurückreisen zu dürfen. Nicht einmal ihre Briefe haben es zurück ins Heimatland geschafft. Paci stellt nun einerseits solche Briefe aus. In einer 5-Kanal-Videoinstallation lässt er die Schriftstücke andererseits nachträglich ankommen: Die Videoarbeit zeigt historisch gekleidete Schauspieler/innen beim Lesen der Briefe, während deren suggerierte Verfasser/innen die Inhalte vorlesen - sozusagen aus dem Off der Geschichte. Das historisierende und fiktionalisierende Pathos lässt die Arbeit allerdings weniger dringlich erscheinen als die einem sehr direkt zuwinkenden Malereien.
Wieder klarer zur Geltung kommt Pacis in vielen Videoarbeiten bewiesene Fähigkeit, drängende Themen mit ruhiger Hand abzufahren, im Werk im letzten Raum der Ausstellung: Hier putzen Kinder auf einem albanischen Friedhof Gräber, die Jugend macht quasi den Tod frisch. Wir sind nicht nur alle Migrant/innen - vor allem sind wir auch alle gleich sterblich. Mehr Solidarität wäre dringend nötig.

Bis: 12.03.2016



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Ausgabe 3  2016
Ausstellungen Adrian Paci [22.01.16-12.03.16]
Institutionen Peter Kilchmann [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniel Morgenthaler
Künstler/in Adrian Paci
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