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Besprechung
3.2016


Deborah Keller :  Das Aargauer Kunsthaus bietet in der Reihe Caravan jungen Kunstschaffenden eine Plattform, die vorgängig meist erst in kleineren Kunsträumen aufgetreten sind. Katharina Anna ­Wieser kombiniert nun in einer ortsspezifischen Installation räumliche Erkundungen mit der Befragung der zeitlichen Dimension.


Aarau : Katharina Anna Wieser - Von Raum und Zeit


  
Katharina Anna Wieser · Reigen oder Punkt und Linie zum Raum, 2016, Caravan 1/2016, Ausstellungsreihe für junge Kunst, Aargauer Kunsthaus, Aarau. Foto: Timo Ullmann


Ein fernes, regelmässiges Ticken dringt derzeit in der Eingangshalle des Aargauer Kunsthauses ans Ohr. Zudem fällt ein roh behauener, zylinderförmiger Stein auf, der im Auge der hinteren Wendeltreppe an einem Stahlseil in die Tiefe hängt. Hat man sich schliesslich, von Neugier getrieben, die Stufen empor gewunden, so erblickt man oben des Rätsels Lösung: Eine altertümliche Zahnradmaschine, laut Saalblatt ein Kirchturmuhrwerk von 1887, wird angetrieben durch das sich kaum merklich senkende, steinerne Gewicht, dessen Seil vom Zentrum der Rundtreppe über Eck zu einer Spule im Uhrwerk führt. Anstatt eines Zeigers wird hier aber ein Mobile aus einer fast mannshohen, schwarzen Kreisscheibe und einer ebenso langen schwarzen Holzlatte in Rotation versetzt. Gemächlich drehen die beiden geometrischen Formen ihre Runden über den Köpfen der Treppensteigenden.
Katharina Anna Wieser (*1980) hat die Installation ‹Reigen oder Punkt und Linie zu Raum› im Rahmen der Caravan-Ausstellungsreihe für junge Kunst realisiert. Im Vorfeld war sie in einer nicht unbeachtlichen Reihe von Ausstellungen aufgefallen für ihr vehement ortsspezifisches Schaffen, für ihr Interesse an der gebauten Architektur des jeweiligen Ausstellungsortes, in die sie - oft mit unbemalten Holzplatten - interveniert. Nicht selten fordern ihre Installationen aktiven Körpereinsatz vom Publikum: Sie lässt uns über schiefe Böden und schmale Stege schreiten, durch Gucklöcher spähen oder Tunnelkanäle durchkriechen. Hängende mobile Elemente sind zuvor bereits aufgetaucht, selten aber ein fertiger «Fremdkörper» wie das antike Uhrwerk. Das zweckorientierte, mechanische Objekt liefert mit dem «Sound der Zeit» die Melodie für den «Reigen» von Punkt und Linie - die Grundformen der Konkreten Kunst, die in der Sammlung des Aargauer Kunsthauses breit vertreten ist und mit Camille Graeser aktuell ebenfalls gezeigt wird. Der allmählich sinkende Stein, der das Ganze in Gang hält, macht Zeit zudem nicht nur hör-, sondern auch sichtbar. Als Besucher/in bewegt man sich vom einen zum anderen Teil dieses «Dreiergespanns», schaut und staunt. Spielt Wieser im Werktitel auch an auf Kandinskys wegweisende Schrift ‹Punkt und Linie zu Fläche›, wird doch deutlich, dass sie hier keine theoretische Programmatik formuliert, sondern weiterhin flexibel die Beziehungen zwischen Mensch, Objekt und Raum auslotet - nun erweitert um die Dimension der Zeit.

Bis: 10.04.2016



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Ausgabe 3  2016
Ausstellungen Ceal Floyer, Camille Graeser, Jos Nünlist, Katharina Anna Wieser [30.01.16-10.04.16]
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Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Deborah Keller
Künstler/in Katharina Anna Wieser
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