Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
3.2016




Bern : Tilo Steireif


von: Alice Henkes

  
Tilo Steireif · Der Räuber nach dem Roman von Robert Walser, Serie 2014/15, 112 Aquarellzeichnungen


Was bedeutet es, Künstler zu sein? Was verlangt es einem ab? Robert Walser (1878-1956) hat sich diese Fragen gestellt, als er mit Bleistift seinen Roman ‹Der Räuber› niederschrieb. Tilo Steireif (*1969, Lausanne) hat bei der Lektüre über die Aktualität des Buches gestaunt und mit 112 Aquarellzeichnungen auf Walsers Text geantwortet.
Der Roman ‹Der Räuber› nimmt eine Sonderstellung im Werk Robert Walsers ein. 1925 verfasst, aber erst nach Walsers Tod veröffentlicht, schildert das Buch einen erfolglosen Schriftsteller, der Walser deutlich ähnelt. Er setzt sich mit der Frage auseinander, wie man als Künstler lebt und wie man sich Geltung verschafft, in der Kunstwelt und in der Gesellschaft allgemein. Ironisch-melancholisch blickt Walser auf die Normen des Kulturbetriebs, in dem der «Weniginbetrachtkommende», wie Walser seinen Räuber auch nennt, verschämt am Tisch des Namhaften sitzt, der ihn gnädig eingeladen hat. Auch formal sticht ‹Der Räuber› aus Walsers Schaffen heraus: Das Buch erzählt keine in sich geschlossene Geschichte, sondern zerfällt in unzählige kleine Geschichtchen und Bemerkungen, sprachspielerische Abschweifungen und anarchische Nachdenkereien darüber, weshalb es dem Räuber trotz aller Mühen und Finten nicht gelingen mag, die kulturinteressierte Welt zu erobern.
Steireif, der Walsers Buch eher zufällig für sich entdeckte, findet sich in dem Räuber mit all seinen finanziellen Sorgen und Imagefragen wieder. Schon beim ersten Lesen reizte es ihn, den verschnörkelten Humor Walsers in Bilder zu fassen. Immer wieder arbeitete er das Buch durch. So entstand eine Serie von 112 formal sehr reduzierten, doch inhaltlich anspielungsreichen Zeichnungen, die weit mehr sind als Text-Illustrationen. Steireif verbildlicht nicht nur Szenen, er lässt eigene Interpretationen und Erfahrungen mit einfliessen, garniert den walserschen Sprachwitz mit bildlichem Humor. Als imitiere er die walsersche Lust an der Abschweifung, flicht Steireif kunst- und kulturhistorische Randbemerkungen mit ein, kleine Hommagen und Zitate, die von Caspar David Friedrich über die kühne Architektur Brasilias bis zu Fischli/Weiss reichen.
Steireifs Zeichnungen sind nun im Robert­Walser-Zentrum in Bern zu sehen, das neben einer umfangreichen Bibliothek auch über einen kleinen Ausstellungsraum verfügt. In dichter Reihung hängen die Zeichnungen ringsum an den Wänden, was beim Betrachten das Gefühl vermittelt, man tauche buchstäblich ein in die kuriose und abgründige Welt des Räubers und begleite ihn bei seiner Suche nach Selbstverortung. Und die Edition Haus am Gern hat Steireifs Zeichnungen in einem Buch gebündelt, das mit seiner engen Text-Bild-Verbindung beinahe etwas von einer Graphic Novel hat.


‹Tilo Steireif. Der Räuber nach dem Roman von ­Robert Walser›. 112 Aquarellzeichnungen, mit Text von Reto Sorg, Ed. Haus am Gern, Biel



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 3  2016
Ausstellungen Tilo Steireif [19.11.15-30.06.16]
Video Video
Institutionen Robert Walser Zentrum [Bern/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Tilo Steireif
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=160220161449A7L-19
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.