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3.2016




Bologna : Jakob Tuggener


von: Ute Diehl

  
links: Jakob Tuggener · Heizer, 1943, Courtesy Jakob Tuggener Foundation, Uster
rechts: Jakob Tuggener · Ball, Grand Hotel Dolder, Zürich, 1948, Courtesy Jakob Tuggener Foun­dation, Uster


Der Schweizer Jakob Tuggener (1904-1988) gilt unter Fachleuten als einer der bedeutendsten Vertreter der Industrie­fotografie. Dem breiteren Publikum ist er jedoch kaum bekannt. Sein schwieriger Charakter und Rechtsstreitigkeiten nach seinem Tod hatten jahrelang den Zugang zum Werk erschwert. In Italien wird Tuggener jetzt erstmalig mit einer umfangreichen Ausstellung in der Kunststiftung MAST (Manifattura di Arte, Sperimentazione e Tecnologia) geehrt. Die Stiftung wurde 2013 von Isabella Seràgnoli - einer der reichsten ­Frauen Italiens, Besitzerin der auf Feinmechanik spezialisierten Coesia-Gruppe und engagierte Mäzenin - mitten auf dem Firmengelände in Bologna eröffnet. Die Unternehmerin gewann den Gründungsdirektor des Fotomuseums in Winterthur, Urs Stahel, als Kurator. Der Schweizer baute für sie eine Sammlung von Industriefotografie auf und überrascht immer wieder durch ungewöhnliche Ausstellungen. Diesmal kommen alle in der von Martin Gasser und Urs Stahel kuratierten Ausstellung gezeigten Fotografien aus dem Nachlass des Künstlers, der von der Fotostiftung Schweiz, Winterthur, betreut wird.
Tuggener war als technischer Zeichner in einem grossen Unternehmen in Zürich angestellt, bevor er in den frühen Dreissigerjahren entlassen wurde und von da an als freier Künstler lebte. Die Welt der industriellen Fertigung, Maschinen und Porträts der Arbeiter wurden zu seinem bevorzugten Thema. 1943 publizierte er ein stark an der expressionistischen Stummfilm-Ästhetik orientiertes Fotobuch unter dem Titel ‹Fabrik. Ein Bildepos der Technik›. Mehr als 150 Originalabzüge dieser Serie werden nun gezeigt. Tuggeners kritische Einstellung dem technischen Fortschritt gegenüber ist unübersehbar. Daneben faszinierten ihn die glanzvollen gesellschaftlichen Ereignisse, wie etwa die Neujahrsbälle im Palace Hotel in St. Moritz. Intensive Stimmungsbilder entstanden, man sieht Pelze und Schmuck, weit ausgeschnittene Abendkleider, Ausgelassenheit und Erschöpfung, leere Champagnerflaschen im geschmolzenen Eis im Sektkübel. Tuggener lichtete die ‹Nuits De Bal› von 1934 bis 1950 mit einer langen Serie von Bildern ab, die er wie Film-Stills aneinandergereiht als grosse Erzählung in einem Buch publizieren wollte. Die «höhere Gesellschaft» aber, in die er sich im Smoking eingeschlichen hatte, verhinderte das Projekt. «Tuggener kam nie zum verdienten Ruhm», stellt Kurator Stahel klar. Nun erfährt der Schweizer Fotokünstler in Bologna späte Anerkennung.

Bis: 17.04.2016



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Ausgabe 3  2016
Ausstellungen Jakob Tuggener [27.01.16-17.04.16]
Institutionen Fondazione MAST [Bologna/Italien]
Autor/in Ute Diehl
Künstler/in Jakob Tuggener
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