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Fokus
4.2016


 Private Stiftungen wie die Fondation Beyeler sowie viele grössere und kleinere Kunsthäuser präsentieren Kunst in ihren Räumen auf höcht professionelle Weise. Doch in welcher Form nutzen sie im Zeitalter von Smartphone und Internet die digitalen Medien? Ein Blick auf einige aktuelle Projekte lässt hoffen, die Ansätze sind vielversprechend.


Analoge Kunst im digitalen Raum - Schwarzes Quadrat in Pixelform


von: Sonja Gasser

  
links: Black Sun Image Browser, 2015, Fondation Beyeler, Riehen/Basel
rechts: App-Führung Wege zu Klee, Zentrum Paul Klee, Bern


Das ‹Schwarze Quadrat› von Kasimir Malewitsch in einer Ausstellung an die Wand zu hängen, ist eine Sache. Eine andere, dieses Schlüsselwerk in einer digitalen Form zu präsentieren. Beide Herangehensweisen haben ihre Berechtigung, sind aber nur dann Erfolg versprechend, wenn der mediale Rahmen und die Bedingungen im Ausstellungsraum als zwei unterschiedliche Ausgangslagen aufgefasst werden. Das kann so weit gehen, dass einzelne Kunstfachleute postulieren, dass die Auseinandersetzung mit Kunstwerken über digitale Medien ebenso intensiv geführt werden könne wie bei der Begegnung zwischen Publikum und Original. Das mag für einen Aufschrei sorgen. Doch Abweichungen von den gängigen Kunst- und Ausstellungspraktiken haben schon immer für Kontroversen gesorgt. Selbst beim ‹Schwarzen Quadrat› war das so, das 1915 in der legendären Suprematisten-Ausstellung ‹0,10› in St.Petersburg in einer Raumecke hängend präsentiert wurde - also an dem den Ikonen vorbehaltenen Ort. Der Abstraktionsgrad eines Werks und eine experimentelle Hängung erhitzen die Köpfe heute kaum noch. Vielmehr steht die Frage zur Debatte, welchen Mehrwert in Pixel überführte Kunstwerke für Museen und ihre Tätigkeit haben können.
Mit der Zunahme an Daten wird die Frage nach geeigneten Präsentationsformen von Kunst im digitalen Bereich immer drängender. Auch wenn das Ausstellen von Originalen weiterhin im Mittelpunkt steht, so umfasst die professionelle Tätigkeit an Kunstmuseen längst weitaus mehr: Neben Führungen aller Art, Vorträgen, Diskus­sionsrunden und Konzerten gehört immer mehr auch das Beliefern digitaler Kanäle dazu. Wenn Museen sich Gedanken machen, wie sie über den Standard einer Informationswebsite hinaus die Möglichkeiten der digitalen Medien für sich gewinnbringend nutzen können, wird es interessant. Innovative Lösungsansätze bestehen einige.

Den Spieltrieb ansprechen
Die Fondation Beyeler hat zur Ausstellung ‹Black Sun› über das Fortleben des ‹Schwarzen Quadrats› in der Gegenwartskunst eine Microsite erstellt. Durch das Verschieben und Verzerren einer schwarzen Rechteckfläche konnten am Bildschirm spielerisch verschiedene, hinter dem weissen Hintergrund versteckte Werke gesucht werden. Beim längeren Verharren auf einem dieser Vierecke wurde das entsprechende Werk komplett angezeigt. Die Idee spricht nicht nur den Spieltrieb an, sondern macht auch neugierig auf die Ausstellung, ohne diese zu konkurrenzieren. In den sozialen Medien - leider war nur Facebook direkt verlinkt - konnte diese Mini­anwendung ein Eigenleben entwickeln und durch virale Verbreitung auf die Ausstellung, aber auch die Institution aufmerksam machen. Auch wenn die Originale vor Ort in den Ausstellungssälen mittlerweile längst wieder abgehängt wurden, bleibt im ­digitalen Raum ein längerfristig zugängliches Artefakt übrig.
Schon mit der Eröffnung 2005 hat das Zentrum Paul Klee darauf verzichtet, den Aktionsradius allein auf die Ausstellungsräume zu beschränken. Stattdessen setzte die Institution Spuren in die Landschaft und begab sich damit sprichwörtlich in die Gesellschaft hinein. Mit Spazierwegen durch ganz Bern, die nach seltsam klingenden Werktiteln von Klee benannt sind, haben Stadtflaneure auch unabhängig von ihrer Kunstaffinität etwas davon. Wer mehr über den Künstler und seine Spuren in Bern wissen will, dem empfiehlt sich die App ‹Wege zu Klee›. Dadurch wird der Spaziergang an ausgewählten Punkten mit wissenswerten Informationen angereichert.

Mit der Sammlung an die Öffentlichkeit
Weitaus verbreiteter als ein digitales Quadrat-Origami oder App-Spaziergänge sind die für Schweizer Kunstmuseen schon fast zum Standard gewordenen ‹Sammlungen online›. Aus der musealen Tätigkeit heraus haben sich Inventardatenbanken als nützlich erwiesen, um den Überblick über die Sammlung zu wahren. Es ist naheliegend, in einem nächsten Schritt die digital vorhandenen Daten - zumindest ausschnittweise - auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Jüngst, nämlich seit Ende 2015, ist auch das Aargauer Kunsthaus Aarau mit seiner Sammlung online gegangen und bietet einen Zugang zu Werken der Schweizer Kunst. Das Interface ist ansprechend gestaltet. Zwar ist die Navigation nicht sehr intuitiv aufgebaut, sodass sich die durchaus vielfältigen Funktionen einem Grossteil des Publikums wohl nur teilweise erschliessen. Doch die Nutzerführung kann ja noch optimiert werden.
Pioniere, wie das Kunstmuseum Luzern (seit 2005) oder das Kunstmuseum ­Basel (seit 2008), sind mit ihren Sammlungen schon seit längerer Zeit zugänglich. Hier wären mittlerweile neue Impulse wünschenswert, denn der Abruf einzelner Werke und der dazugehörigen informativen Begleittexte gemahnt letztlich zu sehr an gedruckte Sammlungskataloge. Einen echten Zusatznutzen bringt hier die Vernetzung verschiedener Quellenbestände, so die Verlinkung der Sammlungsbestände mit den Einträgen im Künstlerlexikon SIKART. Hier besteht ein grosses Potenzial, das unbedingt genutzt und weitergetrieben werden sollte.

Freie Verfügbarkeit
Einen Schritt weiter gehen Museen, die ihre Bilder öffentlich verfügbar machen. Das Rijksmuseum in Amsterdam stellt seit 2013 Bilder von Werken aus seiner Sammlung unter Public-Domain-Lizenzen in hoher Auflösung zur freien - auch kommer­ziellen - Nutzung ins Netz. Dies, nachdem eine interne Untersuchung deutlich werden liess, dass sich für das Museum der Marketingwert weitaus mehr rechnet als das arbeitsintensive Eintreiben von Lizenzgebühren. Seither flutet das Museum - laut eigenen Angaben - das Netz mit Bildern in hoher Qualität und sorgt dafür, dass diese auch bei Wikipedia auftauchen. Die Tatsache, dass die Bilder im Netz frei zirkulieren, verhilft dem Rjiksmuseum und seiner Sammlung zu einer breiten öffentlichen Sichtbarkeit - ein bedeutender Mehrwert für das auf Publikum angewiesene Haus. Auch die französischen Museen stellen ihre digitalen Bilder mit Images d'art in einer ordentlichen Auflösung online, allerdings nur zur Nutzung für nichtkommerzielle Zwecke. Bei beiden Beispielen erlaubt eine technische Schnittstelle zu den Datenbankinhalten externen Nutzern, auf die Reproduktionen von Gemälden und weitere Metadaten zuzugreifen und eigene Anwendungen zu entwickeln.

Technologisches Know-how anwenden
Möglichkeiten wie diese erlauben technologieversierten Nutzern, Neues zu schaffen. So werden beispielsweise an Hacking-Events wie dem ‹Coding da Vinci› in Deutschland oder am ‹Kultur-Hackathon› in der Schweiz Applikationen und Entwürfe entwickelt, die zu einem breiteren Verständnis und einer Vorstellung beitragen, welches Potenzial in digitalen Medien steckt. Dabei wird deutlich, dass die meisten Online-Sammlungen erst ganz am Anfang der Entwicklung stehen. Wie es weitergehen kann, zeigen Pioniere wie das Städel in Frankfurt mit seiner digitalen Sammlung. Einzelne Werke sind dort über Begriffe miteinander verbunden, so dass sich Nutzerinnen und Nutzer interaktiv ihren eigenen Weg durch die Sammlung bahnen können. Abbildungen und Angaben zu den Werken, Beschreibungstexte und Videos vermitteln Wissenswertes über die Kunstwerke. Wenn die Daten von einzelnen Institutionen digital verfügbar sind, wird auch die interinstitutionelle Zusammenarbeit interessant. Es ist durchaus denkbar, dass Museen beginnen werden, solche Bestrebungen aus eigenem Antrieb vorzunehmen.

Es bleibt spannend
Die etablierten Organisationsstrukturen in Museen sind darauf ausgerichtet, erstklassige Kunst in die Ausstellungsräume zu bringen. Doch im Internet stehen andere Kriterien im Vordergrund. Der Nutzer oder die Nutzerin will anders angesprochen werden als im analogen Raum. In diesem Bereich ist in nächster Zeit viel zu erwarten, doch gleichzeitig werden auch zusätzliche Kompetenzen notwendig sein. Auf jeden Fall lohnt es sich, die Augen offen zu halten und auch weitere interaktive Museumsangebote zu erkunden. Wenn dabei das Verlangen erwacht, eine Ausstellung - ganz analog und ohne Geräte in der Hand - zu besuchen, umso besser. Denn genau darum geht es: die Lust und das Interesse an der Auseinandersetzung mit Kunst zu wecken - sei es auf digitaler Ebene oder vor den Originalen!

Sonja Gasser ist Doktorandin im Schwerpunkt ‹Digitale Kunstgeschichte› an der Ludwig-Maximilians-Uni-
versität München und Projektverantwortliche von ‹Archives on the move› am Digital Humanities Lab der Uni­versität Basel in Kooperation mit der Kunsthalle Basel. sonjagasser@hotmail.com


Sammlungen online
www.aargauerkunsthaus.ch
kunstmuseumbasel/eMuseumPlus
kunstmuseumluzern/eMuseumPlus
www.rijksmuseum.nl
digitalesammlung.staedelmuseum.de
Fotostiftung Schweiz, ETH Zürich
Images d'Art, Werke der französischen Museen
Europeana Collections
Google Art, CH Sammlungen

Archive
Fotoarchiv, Kunsthalle Basel
www.kunsthalle-bern.ch
kunsthallezurich.ch
www.sikart.ch

Ausstellungen, Apps, Serious Games
blacksun.fondationbeyeler.ch
www.moma.org
www.tate.org.uk
Museum of Digital Art, Zürich
Wege zu Klee, Zentrum Paul Klee, Bern, App
Swiss Art to Go, Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern
Basel 1610, Serious Game zum Basler Merian Plan
App zur Ausstellung von Pipilotti Rist

Kultur-Hackathons
Chasing Pictures u.a. Coding da Vinci - Kultur Hackathon, Berlin, 2014/15
Schweizer Kleinmeister - An Unexpected Journey u.a., Swiss Open Cultural Data Hackathon, Projekte von 2015



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Ausgabe 4  2016
Autor/in Sonja Gasser
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