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Fokus
4.2016


 Reto Boller sondiert die Grenzen zwischen Malerei, Architektur und Objekt. Seit mehr als zwanzig Jahren verläuft seine Arbeit auf dem Grat zwischen Neigung und Zweifel gegenüber dem Malerischen. In den letzten Jahren sind die Werke technischer geworden, Objets trouvés finden Eingang und sogar figurative Anspielungen zeigen sich.


Reto Boller - Im Warteraum des Vergessens


von: Markus Stegmann

  
links: O.T., 2013, Projekt für ‹Gasträume 2013›, Zürich, Stahlrohre, Drahtgitter, Sandsäcke, 250x375x250 cm, Courtesy Galerie Mark Müller, Zürich und Häusler Contemporary, München/Zürich. Foto: Conradin Frei
rechts: B-Side, 2015, Stahl, Spraylack, 300x1000x2 cm, Skulpturen-Symposium Weiertal. Foto: Marc Dahinden


Reto Boller setzte sich mit seinen Arbeiten bereits in den frühen Neunzigerjahren durch die Verwendung von Leim und Silikon mit reliefhaften Wirkungen von klassischer Malerei entschlossen ab. Die grösseren Formate sind durch eine klare, konstruktive Gliederung in ruhige, stark farbige Flächen gekennzeichnet, während die kleinen Objektcharakter annehmen. 2000 vollzieht Boller mit der Verwendung farbiger Klebefolie einen entscheidenden Schritt. Die Folie erlaubt es ihm, reliefartige Arbeiten vollflächig zu überziehen und ihnen durch Monochromie und Glanz kühle Distanz und geheimnisvolle Anziehung zu verleihen. 2001 folgt eine weitere Wendung: Die farbige Klebefolie erscheint flächendeckend in Ausstellungsräumen und verwandelt diese zu Bildträgern. Plötzlich ist der Raum ein begehbares, dreidimensionales Bild, dessen Anfang und Ende nicht mehr definierbar sind, sofern man überhaupt noch von einem Bild sprechen mag.
Es folgen Jahre intensiver Material- und Formerkundungen, die ab 2007 auch banale Alltagsobjekte wie Tragriemen, Schraubzwingen oder Motorradhelme als Objets trouvés in die Arbeiten integrieren. Wenngleich zunächst Material, Farbe und Form für die Wirkung ausschlaggebend sind, lassen die Objekte auf den zweiten Blick stilllebenartige Anflüge erkennen. Sie können als Memento mori, als Zeichen der Vergänglichkeit unserer technischen, dingfixierten Gegenwart gelesen werden.

Figuration
‹Gymball Stunt› bezieht sich einerseits auf harmlose Übungen mit Gymnastikbällen, andererseits auf halsbrecherische Stunts, wie sie im Netz zu besichtigen sind. Die Arbeit besteht aus drei silhouettenhaften Figuren mit hängenden Köpfen, geschützt und gleichzeitig anonymisiert von schwarzen, fetischhaften Motorradhelmen. Schon die Frage, wen man hier vor sich habe, mündet in verschiedene Richtungen. Die Helme lassen zwar zunächst an Motorradfahrer denken, aber die weiten, mantelhaften Gewänder verweisen in andere Richtungen. Handelt es sich um geheimnisvolle ­Figuren eines düsteren Science-Fiction-Films oder um schematisierte Henker oder - angesichts hängender Helme - um Gehängte, um anonyme Opfer ­einer Hinrichtung? Was eigentlich dreidimensionaler Körper sein müsste, ist mehrfach zerschnittene und an die Wand gepresste Fläche.
Die hängenden und dadurch wie leblos erscheinenden Helme verstärken den Eindruck eines Memento mori (Denk daran, dass du stirbst), doch zugleich leuchtet das intensive und grossflächige Rot ihrer Gewänder und behauptet den Willen zu leben. Wenn man eine christliche Lesart heranziehen möchte, findet man in der Dreizahl der Personen einen unübersehbaren Hinweis auf die Kreuzigung, allerdings ohne ­hierarchische Abstufung. Die Helme stehen durch ihre komplett schwarze Bemalung einschliesslich der Visiere für finstere Vollstrecker, die unerkannt bleiben wollen, so zumindest unsere Konditionierung durch Filme westlicher Unterhaltungsindustrie.
Dem martialischen ‹Gymball Stunt› steht eine zerbrechliche Konstruktion mit dem Titel ‹PR 15.3 (Löschblatt)› gegenüber: Zwei mit Verbänden bandagierte Hölzer lehnen - auf einem flauschigen Badezimmerteppich stehend - an der Wand. Nicht nur das flamingohafte Rosa des linken Verbandes, sondern auch die abgedeckten Verdickungen lassen an zwei Beine denken. Doch um wessen Beine bzw. Beinstümpfe oder gar Prothesen handelt es sich, um menschliche oder tierische? Als habe sie jemand abgetrennt vom Körper aufgefunden, lehnen sie an der Wand, damit man sie leichter finden möge, um sie abzuholen. Diese Beine warten. Aber auf wen oder was? Eine Metapher für Terror und Vertreibung jüngster Weltereignisse? Und sind sie als Beine überhaupt noch zu gebrauchen?

Schweres Gerät
‹B-Side›, letztes Jahr an der Skulpturenbiennale Weiertal bei Winterthur zu sehen, und ‹G 15.1 (Abschluss)›, kürzlich präsentiert auf der artgenève, stehen als schweres Gerät der fragilen Figuration diametral gegenüber. Wird auf der schönen Wiese im idyllischen Tal gebaut, ein Graben ausgehoben, eine Rohrleitung verlegt oder funktionieren die schweren Abdeckplatten mit tonnenschwerer Tragkraft aus dem Baubereich als Fundament für grosse Last? Die gesprayte Farbe an den Rändern gibt Hinweise auf ein rätselhaftes Bauvorhaben, das sich einer klaren Zweckbestimmung entzieht. Doch die selbstbewusste Setzung versank im Lauf der Monate im wachsenden Gras in einen träumenden Schlaf. Die anspielungsreiche Behauptung läuft ins Leere. Die Stahlplatten sind in eine fremde Umlaufbahn geraten und kreisen funktional befreit wie ausgediente Satelliten in unserer Vorstellung.
‹G 15.1 (Abschluss)› steht als wuchtiges Gitter mit schweren Traggurten zum ­Abtransport bereit, lehnt wie bestellt, aber nicht abgeholt an der Wand. Fragen nach möglichen funktionalen Bestimmungen verlieren sich je länger, desto mehr, statt­dessen tritt das Warten in einer Sphäre des Vergessenen und Vergeblichen thematisch immer stärker hervor. Sowohl ‹B-Side› als auch ‹G 15.1 (Abschluss)› verbindet der Eindruck des Wartens in leicht verrutschter Situation. Da lehnen oder liegen sie in selten selbstbewusster skulpturaler Präsenz, warten auf etwas, das sich unserer Kenntnis und Vermutung entzieht. Und würden wir sie fragen, wüssten sie es selber nicht.
Wenn wir die Eigenschaften des Wartens genauer betrachten - und wir ziehen weitere Arbeiten hinzu, wie beispielsweise das Reifenlager ‹PN-11.1 (Aufsetzpunkt)› oder eine titellose Arbeit mit sorgfältig gestapelten Sandsäcken in einem Käfig -, zeigt sich eine Form des Wartens, die den Eindruck des Abgestellten, Vergeblichen, Vergessenen hervorruft. Da wurden Sandsäcke sorgfältig gefüllt und gestapelt, aber wofür? Wollte man sie bei einer Überschwemmung gebrauchen, müsste man zuerst den Käfig knacken. Der Sand sitzt schön sortiert im Gefängnis. Wir flanieren vorbei und sehen die Säcke darin warten. Es ist aber auch noch eine andere Lesart möglich: Gestapelte Sandsäcke dienen als Deckung für Gefechte. Der Standort stützt beide Interpretationen: Die Sigi-Feigel-Terrasse zwischen dem Ufer der Sihl und der Gess­nerallee liegt bei einem alten Militärstandort in Zürich, dem ehemaligen Sitz der Kavallerie. Die Reifen im Regal glänzen mit Folie überzogen verführerisch, aber wer möchte glatte, womöglich rutschige Reifen an sein Fahrzeug montieren? Doch was sollen sie tun, die Reifen? In Schönheit sterben?

Diffuse Sehnsucht
Die wartenden, ihres Schicksals harrenden Objekte scheinen fast ein wenig traurig. Sie strahlen eine kaum wahrnehmbare, romantisch temperierte Sehnsucht nach einer anderen Form der Existenz aus, die sich nach und nach auf das Publikum überträgt. Mit Tonnen belastbarer Stahl, verführerisch glänzendes Gummi oder martialische Tragriemen, die auch an andere Verwendungen denken lassen, scheinen - auf sich gestellt, verlassen und allein - von einem anderen Leben zu träumen. Oder sind dies unpassende menschliche Empfindungen, die sich angesichts des wartenden Materials einschleichen?
Stahlplatten bleiben Stahlplatten, Reifen Reifen, und doch können wir uns ihrer leisen Melancholie nicht ganz entziehen. Man kann sich ihrer diffusen Sehnsucht ruhig für ein paar Momente anvertrauen, und schon führen sie uns fort vom Mate­rial, fort vom Ort, fort von Funktionen. Stattdessen mäandern sie chamäleonartig flackernd in einem flüssigen Gelände multipler Identität. So schroff der Stahl, so sanft die Melancholie des Wartens, bis sie uns schliesslich unbemerkt entkommt.
Markus Stegmann (*1962), Kunsthistoriker und Autor, seit 2015 Direktor des Museums Langmatt, Baden. Dort wird er im September 2016 eine Arbeit von Reto Boller im Laderaum eines Jaguar Kombi zeigen.
stegmann.m@bluewin.ch


Bis: 04.06.2016


Reto Boller (*1966, Zürich), lebt in Zürich

Seit 2007 Professur für Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 ‹Reto Boller - Kunst im Kombi›, Museum Langmatt, Baden; Galerie Mark Müller, Zürich
2015 ‹Gymball Stunt›, Galerie Müller-Roth, Stuttgart
2013 ‹Einfach dreifach›, Museum für Konkrete Kunst, Ingolstadt
2012 ‹Nachschlag›, Kunstverein Wilhelmshöhe, Ettlingen
2011 ‹Aufsetzpunkt›, Kunst(Zeug)Haus, Rapperswil
2010 ‹Hanglage›, Häusler Contemporary, München
2007 ‹Zwischen den Lücken›, Vous êtes ici, Amsterdam
2006 James Nicholson Gallery, New York; Kunstraum Alexander Bürkle, Freiburg/Breisgau
2005 Kunsthalle Winterthur
2003 Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen



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Ausgabe 4  2016
Ausstellungen Reto Boller [22.04.16-04.06.16]
Institutionen Galerie Mark Müller [Zürich/Schweiz]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Reto Boller
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