Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
4.2016


 Der amerikanisch-chinesische Künstler Ian Cheng programmiert bizarre Parallelwelten, die sich ohne menschliche Eingriffe entwickeln. Das Migros Museum für Gegenwartskunst Zürich zeigt jetzt mit einer raumgreifenden virtuellen «Live-Simula­tion» seine erste Einzelschau in der Schweiz.


Ian Cheng - Eine Erzählung ohne Faden und ohne Ende


von: Philipp Spillmann

  
links: Emissary Forks For You, 2016, Live-Simulation, Google Tango Tablets, Ton, Dauer: unendlich, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst Zürich. Foto: Nicolas Duc
rechts: Emissary Forks At Perfection, 2015-2016, Live-Simulation, Ton, Dauer: unendlich, Ausstellungsansicht Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich. Foto: Nicolas Duc


Ein Gedankenexperiment: Man stelle sich eine nicht allzu weit entfernte Zukunft vor, vielleicht das Jahr 2076. Die Computertechnologie ermöglicht es inzwischen, die Welt so exakt nachzubilden, dass die digitale Forschung das empirische Experimentieren ablösen konnte. An den Forschungen selbst sind beinahe keine Menschen mehr beteiligt. Anbieter superintelligenter Software bringen fast täglich neue Programme auf den Markt, die punkto Analysefähigkeit und Kreativität ihre menschlichen Konkurrent/innen längst hinter sich gelassen haben. Die smarten Programme forschen nicht nur, sie schreiben auch Leitartikel in Wissenschaftsmagazinen, vernetzen sich miteinander zu einer globalen Wissens-Cloud und verbessern sich fortlaufend selbst. Und sie sind angeschlossen an ein globales Netz unerschöpflicher, grüner Ressourcen. Mit anderen Worten: Diese künstlichen Intelligenzen haben es geschafft, autonom zu werden. Sie existieren und forschen selbst dann noch weiter, wenn die Menschheit ausgestorben ist.
Die Arbeiten des 31-jährigen Künstlers Ian Cheng laden die Fantasie ein, sich solche verrückten Szenarien auszumalen. Mit ‹Unity›, einem Programm zum Entwickeln von Videospielen, kreiert er virtuelle Umwelten, die einen definierten Anfangszustand haben, sich aber nach dem Spielstart von alleine weiterentwickeln - ohne weitere menschliche Interaktionen.
Im Grunde genommen programmiert Cheng ein Videospiel, das sich selbst spielt. Dazu erstellt er einige Objekte und Figuren, die auf der digitalen Bühne miteinander interagieren können, und eine Handvoll Regeln, die sagen, wie sich das System weiterentwickeln kann. Weiterentwickeln bedeutet: Er definiert, welchen Weg das System einschlagen kann, wenn ein bestimmtes Ereignis stattfindet. Der Clou ist, dass jeder der möglichen Wege nur mit einer Wahrscheinlichkeit eintreten darf, die kleiner als eins ist. Das heisst, es steht nicht von vornherein fest, welchen Weg das System nehmen wird. Die kleinsten Zufälle können auf Dauer riesige Auswirkungen haben. In der Philosophie spricht man von Indeterminismus, in der Mathematik von chaotischen Systemen.

Echtzeit-Parallelwelten
Cheng zeigt seine künstlichen Umwelten vorzugsweise auf Videobildschirmen oder per Projektor, gelegentlich aber auch mit einer Simulationsbrille, wie etwa bei der Frieze Art Fair in London, 2013. Die Arbeiten sind allerding keine Videos, sondern «Live-Simulationen», wie Cheng sie nennt. Das Programm entwickelt sich in Echtzeit vor den Augen der Betrachtenden. Es gibt zwar einen Anfang, aber weder ein festgelegtes Ende noch einen Plot. Die Kamera, die das Geschehen des Spiels verfolgt, richtet sich nur gerade auf dasjenige Objekt, das am meisten Aktivität zeigt. Welches das ist, ändert sich fortlaufend.
Im Migros Museum ist nun Chengs neueste Simulation zu sehen, zusammen mit einer interaktiven Rauminstallation, die er eigens für die Ausstellung angefertigt hat. Die Simulation trägt den Titel ‹Emissary Forks at Perfection› und zeigt, wie ein Hund namens Shiba durch eine archaisch anmutende Comic-Welt voller Schnee und wilder Gräser wandert. Der Hund ist so programmiert, dass er sich spontan klonen kann, wobei sich die Nachkommen einer Generation jeweils verschieden verhalten können. Bereits nach kurzer Zeit wuchern die Shibas zu einem wirren Rudel, das sich so unkontrollierbar gebärdet, dass die Kamera gelegentlich ins Trudeln gerät. Die Simulation wird auf eine riesige, bis zur Decke reichende Wand projiziert, was das Chaos visuell noch weiter verstärkt.
Die dazugehörige Live-Simulation im fast leeren, hallengrossen Hauptraum im Obergeschoss besteht aus blauen Markierungen, die an Zweige erinnern und quer über Fussboden und Wände verteilt sind. Sie repräsentieren allerdings nichts, sondern dienen als Markierungen für eine Reihe von ‹Google Tango Tablets›, die anhand der Markierungen den Standort der jeweiligen Tabletnutzenden im Ausstellungsraum ermitteln. Einmal geortet, erscheint der kleine Hund auf dem Screen. Er weist die Besuchenden an, ihm durch den Raum zu folgen und belohnt sie dafür mit verschiedenen digitalen Objekten, die hin und wieder auf dem Bildschirm des Tablets aufpoppen. Der Hund selbst hat allerdings keinen eigenen Plan - er wird vom selben Programm gesteuert wie die Simulation im Nebenraum. Das Gebrauchsverhältnis elektronischer Apparate kehrt sich also um: Die Besuchenden werden von Nutzerinnen oder Nutzern, die Befehle eingeben, zu solchen, die sie ausführen. Sie spielen das Spiel zwar nicht, aber indem sie durch den Raum laufen, werden sie zu ­einem weiteren Faktor dafür, wie sich das Spiel entwickelt. Allerdings nur gerade dafür, ­
ob sich die Wahrscheinlichkeit für eine bestimmte Entwicklung erhöht oder senkt. Das kann zum Nachdenken anregen, aber auch schnell langweilen. Besonders viel passiert auf Dauer nämlich weder auf den Tablets noch auf der Wand im Nebenraum.

Die Illusion der Perfektion
Den Ausstellungstitel ‹Forking at Perfection› kann man als den ideellen Punkt auffassen, an dem sich ein chaotisches System in seiner Entwicklung verzweigt. Betrachtet man diese Entwicklung als Evolution, ergibt sich bei dieser Gabelung gewissermassen eine neue Art, die von der alten abzweigt. Auch in Chengs Arbeiten kann man von einer Evolution sprechen, denn die Vervielfältigung der Arten erfolgt unter bestimmten Umwelteinflüssen, womit sich eine Art künstliche «natürliche» Selek­tion ergibt. Wie natürliche Lebewesen reproduzieren sich auch Chengs virtuelle Wesen, auch wenn sie noch lange nicht perfekt sind. Durch die Verzweigung entstehen mit der Zeit die Bilder von unterschiedlichen digitalen Wesen. Diese haben im Evolutionsprozess aber immer nur vorläufig Bestand. Insofern kreieren Chengs Arbeiten ein Erleben davon, dass Evolution eben eigentlich keine forlaufende lineare Geschichte, sondern ein offener, chaotischer Prozess ist.
Alles, was in den Simulationen geschieht, ist einmalig. Und doch sieht es immer wieder fast so aus, als würden sich gewisse Dinge wiederholen; als gäbe es so etwas wie Umrisse eines Plots. Aber sobald sich ein narrativer Faden andeutet, wird er wieder durch willkürliche Mutationen des Geschehens unterbrochen und der Plot fällt zurück in einen konfusen Bilderzoo aus Formen und Objekten, die eigentlich nichts weiter sind als Algorithmen, die sich gegenseitig laufend auf sich selbst anwenden. Das gesamte Obergeschoss des Migros Museums steht unter dem Bann eines Programms, das sich nur mit sich selbst beschäftigt. Auf den Tablets gibt es zwar Befehle für die Besuchenden aus, aber diese Befehle könnten ebenso gut von einem Roboter befolgt werden. Den grössten willentlichen Einfluss, den man auf das Programm ausüben kann, ist, die Befehle zu verweigern. Und vielleicht sollte man das gerade tun. Denn im Grunde genommen braucht es es weder den Ausstellungsraum noch einen Betrachter.
Philipp Spillmann, freier Journalist und Künstler, lebt in Zürich. Philipp.Spillmann@hotmail.ch

‹Bad Corgi›, App als Digitale Auftragsarbeit für die Website der Serpentine Gallery London, ab 31.3.


Bis: 16.05.2016


Ian Cheng (*1984, USA) lebt in New York

Einzelausstellungen
2015 ‹Emissary Forks at Perfection›, Pilar Corrias, London
2015 ‹Emissary in the Squat of Gods›, Fondazione Sandretto Re Rebaudengo, Turin
2015 ‹Real Humans›, Kunsthalle Düsseldorf
2014 Ian Cheng, Triennale di Milano
2013 ‹Baby ft. Bali›, Standard, Oslo

Gruppenausstellungen
2015 ‹Co-Workers›, Musée d'Art Moderne
2014 Taipeh Biennal
2013 Lyon-Biennale
2012 ‹A Disagreeable Object›, Sculpture Center, New York



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2016
Ausstellungen Ian Cheng [20.02.16-16.05.16]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Ian Cheng
Link http://www.serpentinegalleries.org
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=160311103825YOR-4
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.