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Fokus
4.2016


 Kindlich, komisch? Vivian Maiers Bild aus New York 1954 ist ein Trugbild. Denn was wie ein Kinderspiel scheint, ist ein Gesellschaftsspiel. Die Fotokünstlerin im Kostüm des Kindermädchens hat die Ränder ihrer Gesellschaft nachgezeichnet. Wahr und gültig bis heute.


Ansichten - Wer ist der Hund?


von: Daniele Muscionico

  
Vivian Maier · New York, 1954, Schwarzweissfotografie, Maloof Collection, Courtesy Howard Greenberg Gallery, New York


Drei Kinder, drei Kulturen, drei Welten. Die vierte Welt ist die Kulisse dahinter, die Bürger-Fassade, festgefügte, bestverfugte Gesellschaftsordnung. So wohnt die Macht ohne Gesicht. So residiert die anonyme Autorität. Wer hier parkt, braucht kein Gesicht, er fährt ja mit dem Auto vor. Die Kinder zeigen ihr Gesicht, sie spielen Baseball. Und sie spielen für die Kamera, was sie auf der Strasse lernen, oder in der Schule, wer weiss: Ordnung behaupten, Fassaden errichten, Posen und Posituren.
Gespielter Ernst oder ernstes Spiel? Die Fotografin, die sie beobachtet, soll wissen: «So ist das hier, in dieser Strasse, in dieser Gruppe: Ich bin der Chef.» Doch der Junge, über den der andere herrlich triumphiert - auch der dritte kennt seine Rolle und bleibt vorsichtig abseits - scheint von den Allüren seines Freundes unbeeindruckt. Er steht nicht zuunterst in der Hierarchie. Es gibt einen, der ist weiter unten, einer, den er ganz alleine glücklich macht - den kurzbeinigen und kurz angeleinten, den herrenlosen Hund. Das Tier hat seinen neuen Herrn in einem kleinen herrenlosen Menschen gefunden.
Die Kinder wollen der Kamera gefallen, der Hund dem Menschen.
Ein Kinderspiel, fotografiert von Vivian Maier (1926-2009). Sie hat dem Bild keinen Titel gegeben, es wahrscheinlich zeitlebens nicht einmal entwickelt. Wir kennen dazu lediglich eine vage Orts- und Datumsangabe, New York, 1954. Maier hat die Kinder auf einem ihrer Streifzüge durch die Stadt entdeckt. Vielleicht kannte man sich bereits, ist sich schon einmal begegnet, die bekannte Unbekannte, das etwas andere Kindermädchen mit der Rolleiflex und die etwas anderen New York Yankees. Die Jungen wissen jedenfalls, was die Kamera von ihnen erwartet, sie wissen um ihre Macht. Sie macht, dass man für sie das Beste ans Licht bringen soll, das Wahre und Richtige.
Denn richtig: Dieses Kinderspiel ist kein Kinderspiel. Es ist das Spiel Erwachsener. Es ist ein Gesellschaftsspiel, vielleicht das älteste überhaupt. Wir spielen es gestern wie heute, nicht nur auf der Strasse, sondern in nahezu jeder Situation. Mit feinen Gesten, lakonischem Spott, unaufgeregt, selbstverständlich, nonchalant und nebenbei spielen wir mit den anderen das Spiel: «Wer ist der Hund?»
Die ‹Street Photography› von Vivian Maier lebt von ihrer Situationskomik. Die Gegenwart als komisches Spiel, und die Zukunft? Wer wird, wenn es ernst wird, hinter diesen Mauern wohnen? Am ehesten der Hund, der jede Hand leckt.
Daniele Muscionico ist Autorin u.a. der NZZ und der ‹Zeit›. danielemuscionci@bluewin.ch


Bis: 03.04.2016



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Ausgabe 4  2016
Autor/in Daniele Muscionico
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