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Besprechung
4.2016


Eva Dietrich :  Reduktion, Leichtigkeit und Präzision charakterisieren die Arbeiten der britischen Konzeptkünstlerin Ceal Floyer. Unter dem Titel ‹On Occasion› vereint das Kunsthaus Aarau nun neue und ältere Arbeiten der Künstlerin in einer auf sechs Räume konzentrierten Schau.


Aarau : Ceal Floyer - Das Potenzial alltäglicher Dinge


  
Ceal Floyer · Mirror Globe, 2014. Ready-made mirror ball in modified globe stand, Höhe: 36 cm, Durchmesser: 30 cm, Courtesy Lisson Gallery, Sammlung Eling Kagge, Oslo ©ProLitteris. Foto: Ken Adlard


In ‹Drop›, 2013, von Ceal Floyer (*1968, Karachi) hängen Regentropfen vor einer verschwommenen Landschaft an einer Kante. Das Video ist stumm, das Bild fast statisch. Nur die Regentropfen verändern ihre Form. Weil sonst nichts geschieht, schauen wir wie hypnotisiert auf einzelne schwer werdende Tropfen und erwarten gespannt ihren Fall. Und wenn dann tatsächlich einer sich löst und fällt, löst sich auch unsere Spannung auf. Doch es bleibt das Staunen darüber, wie es der Künstlerin gelingt, die Konzentration des Publikums derart auf alltägliche Dinge zu lenken.
Viele Arbeiten Floyers verdanken ihre Wirkung dem bewussten Einsatz von Sprache und der Übertragung von Werktiteln auf verschiedene Medien. ‹Ongoing Projection›, 2001, etwa übersetzt ‹permanente Projektion› in das Bild eines Projektors, der einen geloopten Film an die Wand projiziert. Da er nur das Umblättern weisser Seiten eines Notizbuchs zeigt, führt die Projektion sich selbst ad absurdum und weist Fragen über Natur und Inhalte von Projektionen an das Publikum zurück. Auch andere Arbeiten beziehen die Besucher/innen mit ein. In ‹Mirror Globe›, 2014, spiegelt man sich fragmentarisch in einer zum Globus umfunktionierten Discokugel. Die Fotografie ‹Half Full›, 1999, zeigt ein halbvolles Wasserglas. Als hätte die Künstlerin unser Desinteresse gegenüber der bekannten Redewendung vorweggesehen, finden wir uns im folgenden Raum unversehens vor dem zweiten Teil der Arbeit unter dem Titel ‹Half Empty› wieder. Angesichts dieser künstlerischen Insistenz kommen wir nun nicht mehr darum herum, der Frage nach der Perspektive auf die gezeigten Dinge Raum zu geben. Floyers Arbeiten sind absurd und witzig. Von einer Leiter lässt sie allein den untersten und den obersten Tritt stehen und das dazwischen offen. Die Grundlage für ‹Helix›, 2015, bildet eine mit unterschiedlich grossen Kreisaussparungen versehene Plastikschablone der Firma Helix. Floyer füllt deren Löcher mit Produkten aus dem Supermarkt mit entsprechend grossen Standflächen und schafft eine Readymade-Skulptur, die Fadenspulen, Augentropfen oder Stifte spielerisch neu ordnet und aus gegebenen Zuordnungen erlöst. Mit solch minimalen Eingriffen wirkt ihre vielschichtige Konzeptkunst wie ein Wahrnehmungstraining, sie entlässt das Publikum hellwach und mit einem von fixen Vorstellungen erleichterten Geist.

Bis: 10.04.2016



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Ausgabe 4  2016
Ausstellungen Ceal Floyer, Camille Graeser, Jos Nünlist, Katharina Anna Wieser [30.01.16-10.04.16]
Video Video
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Eva Dietrich
Künstler/in Ceal Floyer
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