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Besprechung
4.2016


Daniela Hardmeier :  Im Kunstraum Baden zeigt Navid Tschopp eine dichte Installa­tion mit eigenen Werken und Arbeiten seines Vaters Mehran ­Sadrosadat. Mit ironischem Unterton macht sich der Künstler auf die Spuren seiner Herkunft und lotet seine Verwurzelung in zwei Kulturen und Religionen aus.


Baden : Navid Tschopp - Auf Spurensuche in der eigenen Vergangenheit


  
links: Navid Tschopp ·Garteninstallation und Wandinstallation, Bauschutt, Patronenhülsen, Erde, Tulpen, Tapeten, Mörtel, Ausstellungsansicht Kunstraum Baden, 2016
rechts: Navid Tschopp · Ausstellungsansicht Kunstraum Baden, 2016


Navid Tschopp (*1978), halb Iraner, halb Schweizer, liebt das politisch Hintergründige. In seiner aktuellen Ausstellung in Baden verbindet er dies mit der ­eigenen Biografie. Ein Tulpenfeld, eingebettet in ein ornamentales Muster aus Bauschutt, empfängt im Hauptraum der Ausstellung. Dem Blühen steht die Zerstörung gegenüber, die Schönheit und Harmlosigkeit dieser Allerweltsblume bricht sich an der Irritation des säuberlich arrangierten Trümmerfelds. Eingerahmt wird dieser an einen Orientteppich erinnernde Garten von drei Wänden, links und rechts je mit expressiven Werken seines Vaters Mehran Sadrosadat, der seit den Achtzigerjahren im Iran als Künstler tätig ist. Die Mittelwand zeigt Fotografien von zerstörten Häusern, dazwischen eine reduzierte malerische Intervention direkt auf der Wand. Erweitert wird die Installation durch ein geometrisches Muster, das Tschopp mit Malerklebband über der gesamten Fensterfront angebracht hat. Es wird sogleich deutlich, hier stehen wir mitten im Clash zweier Kulturen, es geht um Krieg und Zerstörung, um unsere Sehnsucht nach einer heilen Welt und Normalität, um Fragen von Kitsch und Verbindlichkeit. Tschopp lebte bis 1987 im Iran und übersiedelte dann als neunjähriges Kind in die Schweiz. Seine ersten Jahre waren überschattet vom Iran-Irak-Krieg (1980-88), dem er in diesem ersten Raum eine dichte Reverenz erweist. Die Arbeiten weisen jedoch weit darüber hinaus, können auch als Metaphern für die aktuelle politische Weltlage gelesen werden.
Nicht nur die geografische, auch die kulturelle und religiöse Herkunft thematisiert Tschopp in dieser Schau. Mit einer nach Mekka ausgerichteten Ausstellungswand wird auf subtile Weise ein interreligiöser Dialog aufgenommen, der in verschiedenen Arbeiten weitergeführt wird, da ist die Kaaba mal Malewitschs schwarzes Quadrat und dann ein Modellfaltplan, der auseinandergeklappt die Form eines christlichen Kreuzes erhält. In der Gemäldeserie ‹Ramadan-Tagebuch› hält Tschopp seine Verfehlungen während des Fastenmonats bildlich fest. Mit dieser sehr persönlichen Herangehensweise schafft Tschopp eine Präsentation, die anregt und wichtige Fragen aufwirft, stellenweise irritiert und zudem einen Einblick in das Kunstschaffen im Iran der Achtzigerjahre erlaubt. Sie zeigt auch, wie schmal der Grat zwischen Kitsch und Relevanz ist, und dass Ironie diesen zwar überbrücken kann, ein Abstürzen aber nicht in jedem Fall verhindert.


Bis: 01.05.2016



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Ausgabe 4  2016
Ausstellungen Navid Tschopp [12.02.16-01.05.16]
Institutionen Kunstraum Baden [Baden/Schweiz]
Autor/in Daniela Hardmeier
Künstler/in Navid Tschopp
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