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Besprechung
4.2016


Andrea Domesle :  Das Museum Tinguely hat letztes Jahr den ‹Duft der Kunst› präsentiert. Nun widmet es sich dem Tastsinn. Mit dem Fokus auf jeweils einen Sinn wird dessen Einwirken auf das Sehen deutlich und damit die Komplexität der Wahrnehmung. Facettenreich prägt der Hautsinn ästhetische Konzepte und Stile.


Basel : Prière de toucher - Tastend das Sehen schärfen


  
links: Louis-Philippe Demers · The Blind Robot, 2012, Roboterstruktur, Masse variabel
rechts: Marcel Duchamp · Prière de toucher. Einband der nummerierten Edition des Ausstellungskatalogs zu ‹Le Surréalisme en 1947›, 1947, Sammlung Hummel, Wien ©Succession Marcel Duchamp/ProLitteris. Courtesy Galerie Hummel, Wien


Klammer der Ausstellung sind zwei Videoprojektionen, die uns in die Welt von Blinden versetzen: Javier Téllez bezieht sich mit ‹Letter on the Blind, For the Use of Those Who See› auf eine indische Parabel und lässt ebenso sechs Blinde einen Elefanten berühren. Jeder beschreibt andere Assoziationen und Gefühle. Artur Zmijewski präsentiert mit ‹Blindy›, wie blinde Leute malen. Der Malakt wird zum haptischen Prozess, Farbe mit den Händen geknetet und verteilt. Mit diesen beiden in den letzten fünf Jahren entstandenen Wahrnehmungsexperimenten wird auf die Komplexität des Themas eingestimmt - was bei den Behinderten direkte Berührung ist, wird zur seelischen und intellektuellen Berührung. Wir lernen von den Blinden den grossen Einfluss des Taktilen beim Sehen.
Die meisten Exponate des spannend komponierten Rundgangs stammen aus dem 20. und 21. Jahrhundert, darunter zahlreiche Klassiker, so Marinettis Futuristisches Manifest des Taktilismus vom 11. Januar 1921 oder das titelgebende Werk ‹Prière de toucher›, ein von Marcel Duchamp 1947 gestalteter Katalogumschlag mit realistisch geformter Brust aus Schaumstoff. Dieser darf heutzutage nur noch angesehen, nicht gestreichelt werden. Doch so direkt meinte es Duchamp wohl auch damals nicht. Sinnliches verschob er ins Konzept. Erotisches inszenierte er als Sprachspiel. Seine Werke sind Abgüsse von tabuisierten Körperzonen, Abdrücke, Positiv/Negativ - Objekte, welche die erotische Ausstrahlung einer Zahnspange besitzen und in erster ­Linie künstlerische Prozesse repräsentieren. Duchamp bleibt ein Meister des Verklausulierens - kalt wie die den Vogelkäfig füllenden Würfel aus Marmor, die vorgeben, Zucker zu sein, doch eben nicht auf der Zunge zergehen können.
Die Schau zieht zahlreiche kunst- und kulturgeschichtliche Querbezüge. Die Thematik und die kuratorische Inszenierung sind angeregt vom Œuvre Jean Tinguelys, besonders deutlich anhand mehrerer Stationen des realen Berührens - so die Nachinszenierungen einer Rauminstallation von Tinguely und eines bis jetzt relativ unbekannten Objekts von Yves Klein. Ein Roboter von Louis-Philippe Demers befingert die Besuchenden. Diese wiederum ertasten in einem anderen Raum mit Augenbinde in die Situation von Blinden gebracht antike Skulpturen. Die Reduktion des Sehsinns schärft das Sehen.

Bis: 16.05.2016


interdisziplinäres Symposium mit Experten aus Kunst, Architektur, Religionswissenschaft, Medienwissenschaft, Ethnologie, Anthropologie, Kulturwissenschaft, Medizin und Neurobiologie, am 8./9.4.



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Ausgabe 4  2016
Ausstellungen The Touch of Art [12.02.16-16.05.16]
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in Andrea Domesle
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