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Besprechung
4.2016


Alice Henkes :  Mit Fotografien und Installationen, grossem Scharfblick und intelligentem Humor durchleuchtet Esther van der Bie das Verhältnis des Menschen zur Natur zwischen Romantisierung und wirtschaftlicher Nutzung. Sie zeigt dabei, wie fremd Mensch und Natur einander oft gegenüberstehen.


Biel : Esther van der Bie - Eine Spurensuche


  
Esther van der Bie · In the Nature of # 3, 2015, Fotografie, verschiedene Materialien. Foto: Patrick Christe


Der japanische Künstler Utagawa Hiroshige gestaltete im 19. Jahrhundert eine berühmte Bildserie ‹Die 53 Stationen des Tōkaidō›, die Impressionen von der Handelsroute zwischen Tokio und dem einstigen Regierungssitz Kioto zeigt. Esther van der Bie (*1962) ist den Weg nachgegangen und hat die 53 Stationen fotografiert. Wenig überraschend: Da, wo Hiroshige noch sanfte Hügel und vom Wind geformte Kiefern sah, dehnen sich heute Autobahnen, Shoppingcenter und Hochhäuser aus. Doch wäre es so einfach mit dem Verhältnis von Natur und Technik, Vergangenheit und Gegenwart, dann hätte van der Bie - nicht nur eine versierte Japan-Reisende, sondern auch eine Meisterin im Aufdecken menschlicher Wahrnehmungen im Zusammenhang von Natur und Kultur - sich wohl kaum die Mühe gemacht, die Hightech-Schneise zwischen Tokio und Kioto abzufahren und abzulichten. Der Bruch zwischen Soll und Sein, der starken Sehnsucht des Menschen nach idealen Landschaften und dem nicht minder ausgeprägten Bedürfnis, Naturräume in Wirtschafts- und Wohnräume umzunutzen (und damit letztlich zu zerstören), geht wesentlich tiefer. Bereits zu Hiroshiges Zeiten war die Strasse zwischen Tokio und Kioto eine der meistfrequentierten Routen in Japan. Am Wegesrand blühten keineswegs nur Blumen, sondern wucherten auch all jene Baracken und Häuser, die zur Infrastruktur von Handelswegen gehören. Hiroshige hatte sie einfach ausgeblendet und der Idylle mit Pinsel und Stift nachgeholfen - so, wie Romantiker dies heute mit digitalen Mitteln tun.
Denn Natur als innerer Bezugsort des Menschen ist weniger das, was man in der Wirklichkeit sieht, als vielmehr das, was man sich vorstellt. Dass diese Idee von der Natur manchmal stärker ist als die direkte Wahrnehmung, damit spielt die Künstlerin auf raffinierte Weise, wenn sie Wälder aus Regenrohren erstellt, die bei aller Künstlichkeit sofort als Wälder erkennbar sind, oder Gärten fotografiert, die für Aus­senstehende lächerlich klein wirken und für ihre Besitzer dennoch ein Stück heile Welt sind. Umgekehrt inszeniert sie Naturaufnahmen so überhöht, dass sie kitschig wirken wie übermässig aufgemotzte Studioaufnahmen. Mit Fotografien, Installationen und Videos erzeugt van der Bie einen Kosmos, in dem das Natürliche künstlich und das Künstliche natürlich wirkt. Die Ausstellung wird so zum Raum nachhaltiger Irritation, in dem das ambivalente Verhältnis des Menschen zur Natur immer wieder aufgebrochen und in Frage gestellt wird.

Bis: 10.04.2016



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Ausgabe 4  2016
Ausstellungen Esther van der Bie, Clare Goodwin [31.01.16-10.04.16]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Esther van der Bie
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