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Besprechung
4.2016


Stefanie Manthey :


Colmar, Unterlinden : Agir, contempler - Eine Museumseröffnung mit Depotwirkung


  
Agir, Contempler, 2016, Ausstellungsansicht Musée Unterlinden, Colmar, Extension Herzog & de Meuron. Foto: Peter Mikolas


Der Ort für Wechselausstellungen liegt zwei Geschosse über Platzniveau: ein weisser, fünfzehn Meter hoher, stützenloser Saal mit steilem Giebeldach, zwei bodentiefen Spitzbogenfenstern und einem Durchgang zum ehemaligen Stadtbad, der Piscine. Der Museumskomplex geht initial auf ein Kloster mit Kreuzgang, Brunnenanlage und Wirtschaftsgebäuden als Ort der Kontemplation zurück. Den Kern des Museums bildet der seit 1853 in der gotischen Kirche aufgestellte Isenheimer Altar von Matthias Grünewald: eine geniale Grosstat in der Darstellung menschlicher Handlungen, psychologischer und übersinnlicher Phänomene.
Hier setzt Kurator Jean-François Chevrier für die Eröffnungsausstellung an. Er kristallisiert daraus zwei massgebliche Grunderfahrungen: ‹Agir, contempler› - Handeln, Betrachten, Letzteres in der Nähe zu Erkennen. Das Spektrum der präzis ausgewählten Werke reicht von Malerei und Grafik aus dem 15. Jahrhundert über das Lego House von Herzog & de Meuron bis zu Objekten, Aktionen und Happenings von Marcel Duchamp, George Brecht, Charles Ray und John Coplans. Empfangen werden wir mit grossformatigen malerischen Darstellungen menschlicher Handlungen: Abschied, Berührungsverbot (Noli me tangere), Kindermassaker. Die Papierarbeiten in einer Vitrine kühlen das Pathos, leisten ikonografische Hilfestellungen, holen Realitäten historischer Gewalthandlungen hinein, lassen Gegenwelten aufscheinen. Mittler zum Feld konzeptueller Arbeiten ist ein früher Leuchtkasten von Jeff Wall. ‹Milk› erscheint als natürliche Substanz mit unendlichem Metamorphosen-Potenzial und zeugt - so Wall - als fotografisch arretierter Splash von der «flüssigen Intelligenz der Natur». Die Setzungen Chevriers sind lustvoll und jenseits falscher Prüderie. Sie artikulieren die emotionale Tiefe, Sinnlichkeit und den Spielwitz konzeptioneller Arbeiten, die mit dem Körper und dem Zufall schaffen und auf die Besuchenden als Akteure setzen.
Die angegliederte Piscine ist in feiner Abstimmung mit den Arbeiten von Nauman, Beuys u.a. als Projektionsraum mit Kojen, Monitordisplays and Filmleinwand eingerichtet. Externer Akteur der Schau ist die neu geschaffene Place Unterlinden selbst. Sie benötigt keinen Kurator. Plätze sind eine originär demokratische Erfindung, die Aneignung geschieht durch die Zivilgesellschaft im Wissen um etablierte und Wiederfinden neu zu definierender Rituale.

Bis: 20.06.2016


Katalog Édition Artlys, Paris, 2016; Jeff Wall / Charles Ray, Künstlergespräch, 14.4., 19 Uhr



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Ausgabe 4  2016
Ausstellungen Agir, Contempler [24.01.16-20.06.16]
Institutionen Musée d'Unterlinden [Colmar/Frankreich]
Autor/in Stefanie Manthey
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