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Besprechung
4.2016


Hans Rudolf Reust :  Mäandernd führt uns die Wanderausstellung von Markus Raetz durch die vielen Gesichter in seinen Werken. Anders als in Bern und Vevey erscheint die Gruppe ‹Chambre de lecture› als Raum wie ein Buch, als Buch wie ein Raum, das uns die unendlichen Nuancen menschlicher Gesichter immer neu lesen lässt.


Lugano : Markus Raetz - In vielen, sich wandelnden Gesichtern


  
Markus Raetz · Chambre de Lecture, 2013-2015, Profile aus Eisendraht. Foto: Alexander Jaquemet


Markus Raetz (*1941) entwickelt sein Werk in einer hohen Konzentration und Kontinuität sowie mit stets neuem Überraschungspotenzial. Nicht zufällig sind Schlaufen eines seiner wiederkehrenden Themen: eine in sich gewendete Pinselspur, als Relief oder als Druck, ein sich endlos windendes Möbiusband oder sich kringelnder Pfeifenrauch, der in räumlicher Form zur Kontur einer Pfeife wird, als wäre dies keine Pfeife und jenes kein Rauch. Die Dinge sind nicht, als was sie erscheinen, und sie bleiben nicht, was wir ihnen zuschreiben möchten. Nicht von ungefähr interessiert sich Raetz für die Texte von Raymond Roussel und Laurence Sternes ‹Tristram Shandy, Gentleman›, in dem krause Abschweifungen oder minutiöse Beschreibungen scheinbar vom Erzählfluss ablenken, nur um eine Figur plötzlich aus einem ganz anderem Blickwinkel wieder zu zeigen. Schon die in einer Vitrine aufgefalteten Skizzenbücher geben einen Einblick in die Fülle an Einfällen, die sich in den verschiedenen Strängen des druckgrafischen Werks, der Zeichnungen, Objekte und Installationen verdichten. Die Pointierung des westlichen Denkens in klaren Gegensätzen wie «Yes» und «No» fordert Raetz durch die Vielzahl der Sichtweisen auf schwer zu beschreibende räumliche Zwischenformen heraus. Oft fällt der Blick auf das Sehen selbst. Eine kleine Holzplastik zeigt einen aufrechten Sehkegel, der oben in einer Pupille mündet. Von einer Glasplatte zerschnitten, offenbart der Kegel einen Ausblick auf das Meer in seiner begrenzten Uferlosigkeit. Am Ende des Mäanders steht ein verdrehter Kopf, der durchs Fenster auf den Lago di Lugano hinausschaut. Seemannsblicke versammeln die Tiefe des Raums in einem Punkt.
Ein Raum ist als ‹Chambre de lecture› eingerichtet. Erstmals zeigt Raetz hier eine Reihe von 432 Eisendrahtprofilen von 2013 bis 2015, die an durchsichtigen Fäden in dem kaum merklichen Luftzug baumeln, den wir beim Gehen selbst erzeugen. So sind wir umgeben von sich zeigenden und entziehenden Gesichtern. Während die Schattenrisse von Lavater, die Phrenologie von Vaught oder Polizeifotografien bestimmten Typologien zugeordnet werden, denken wir bei Raetz an flüchtig aufblitzende Erinnerungen. ‹Chambre de lecture› ist zugleich eine Publikation im Taschenbuchformat, in der unzählige, sich wandelnde Profile versammelt sind. Das dünne Papier gewährt Durchblicke, analog zur Situation in und um das Atelier von Raetz, wo diese Drähte an der Decke oder an Zweigen in Büschen und Bäumen hängen.

Bis: 01.05.2016



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Ausgabe 4  2016
Ausstellungen Markus Raetz [30.01.16-01.05.16]
Institutionen MASI/LAC Lugano Arte e Cultura [Lugano/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Markus Raetz
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