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Besprechung
4.2016


Patricia Grzonka :  Die japanische Avantgarde-Zeitschrift ‹Provoke› ist in den Jahren 1968 und 1969 in nur drei Ausgaben erschienen. Dennoch prägte sie die ganze Bildwelt einer Protestbewegung in Japan. Eine eindrückliche Ausstellung, die auch im Fotomuseum Winterthur Station macht, würdigt nun die Geschichte von Provoke.


Wien, Winterthur : Provoke - Japanische Gegenkultur


  
links: Eikoh Hosoe · Kamaitachi #31, 1968, Albertina, Wien, Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft, Courtesy Taka Ishii Gallery
rechts: Yutaka Takanashi · Untitled (Tatsumi Hijikata), 1969, Courtesy Taka Ishii Gallery, Keio University Art Center/Butoh Laboratory Japan


Die politischen, oft gewalttätigen Protestbewegungen der Sechzigerjahre waren Ausdruck eines gesellschaftlichen Umbruchs der Nachkriegsära mit weitreichenden Folgen. Auch die Kunst blieb von diesen Erschütterungen nicht unberührt. Besonders radikal reagierten Künstler/innen in Japan auf die Veränderungen, die durch eine neuartige Konsumkultur, den amerikanischen Lebensstil oder die Nachwirkungen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki hereingebrochen waren. Unmittelbar betroffen von diesen Umbrüchen begann eine Gruppe von Fotografen in Tokio, eine zornige Bildsprache des Protests zu entwickeln. Radikal subjektive Aufnahmen entstanden, Fotos von körniger Materialität, mit unscharfen Konturen und oft aus dem Fokus geratenen Bildmotiven. ‹Provoke: Provokative Materialien zum Denken› hiess die Zeitschrift zur Bewegung.
Entstanden sind nur drei Ausgaben von Provoke, diese aber genügten, um den beteiligten Fotografen den Ruf ästhetischer Provokateure einzubringen. Mittlerweile haben diese in Auflagen von 1000 Stück produzierten Magazine selbst Kultstatus erlangt. Erstmals widmet sich nun eine Ausstellung dieser japanischen Bewegung - die Wiener Albertina ist die erste Station, anschliessend zeigt auch das Fotomuseum Winterthur die umfangreiche Schau. Der Fokus liegt auf den Protagonisten und Gründern von Provoke, den Fotografen Takuma Nakahira, Yutaka Takanashi, Daidō Moriyama (alle in den Dreissigerjahren geboren). Aber auch Arbeiten aus dem weiteren Umfeld des Magazins sind in die Präsentation aufgenommen.
Die Fotografie wird als Kunstmedium entdeckt und versucht, sich parallel zur amerikanischen Konzeptkunst als repräsentationskritische Bildsprache zu etablieren. Obwohl viele der Aufnahmen (sehr) konkretes Leben am Rande der Grossstadt Tokio abbilden - gewalttätige Proteste, einsame Nachtschwärmer oder eine «nukleare» Modeschau - ist es auch eine ästhetisch entrückte Welt, die hier ins Bild gerät.
Die Schau befasst sich schliesslich in der anonymen Protestfotografie auch mit einem besonders düsteren Kapitel der japanischen Geschichte und zeigt Bilder von verstörender Brutalität. Ein weiterer Bereich widmet sich den Interaktionen mit der Performance-Szene und dem Tanz (unter anderem mit Yoko Ono). Zusammen mit den leider nur in Vitrinen zugänglichen Fotobänden sind dies eindrückliche Dokumente einer von Alltag und Aktion geprägten japanischen Gegenkultur.

Bis: 28.08.2016



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Ausgabe 4  2016
Ausstellungen Provoke [29.01.16-08.05.16]
Ausstellungen Provoke: Zwischen Protest u. Performance [28.05.16-28.08.16]
Institutionen Albertina Museum [Wien/Österreich]
Institutionen Fotomuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Patricia Grzonka
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