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Besprechung
4.2016


Brita Polzer :  Aufgefallen sei ihr, dass sich innerhalb der Sammlung viele Künstler/innen mit dem Denkmal und Formen des Erinnerns beschäftigen, sagt Nadia Schneider Willen, seit September 2015 Sammlungskonservatorin des Migros Museums. Ihre erste Ausstellung habe sie darum diesem Thema gewidmet.


Zürich : Momentary Monuments - Formen des Erinnerns


  
links: Dani Gal · The Record Archive, 2005-2015, 246 Vinyl-Schallplatten, Grösse variabel
rechts: Ausstellungsansicht: Teresa Margolles · Mesa y dos bancos, 2013; Dani Gal · The Record Archive, 2005-2015; Thomas Schütte · Ohne Titel (3 Skulpturen aus der Serie United Enemies), 1994-1995 ©ProLitteris. Foto: Nicolas Duc


Eigentlich müssten sie im Aussenraum stehen, müssten im Auftrag erbaut worden sein und an vergangene Personen oder Ereignisse erinnern. Im strengen Sinn verkörpern Denkmäler die Werte und Ideologien einer herrschenden Ordnungsmacht. Stellen Künstler/innen Monumente ohne öffentlichen Auftrag und für Kunsträume her, handelt es sich grösstenteils um subjektive Wertsetzungen oder kritische Blicke auf tradierte Erinnerungskulturen. «Momentary Monuments» nennt Nadia Schneider ihre Ausstellung, die sich anhand von dreidimensionalen Bauten von zehn Künstler/innen mit sehr unterschiedlichen Formen von Erinnerung beschäftigt. Das ‹Denkmal›, 2011, des isländischen Künstlers Ragnar Kjartansson (*1976) bspw. besteht aus drei marmornen Stelen, die nur an «Deine Augen» erinnern, 1989, 1994 oder 1997. Wer hier mit «Deine» adressiert wird, ist offen. Sind es meine Augen, die ich vor der Skulptur stehe? Sind es die Augen mehrerer oder einer Freundin über die Jahre hinweg? Der Gegenstand der Erinnerung ist uneindeutig, eher diffuse, romantisch-nostalgische Stimmungen werden inszeniert. Das Interesse an Gedächtnis und Erinnerung mündet nicht selten im Aufbau von Archiven. Dani Gal (*1975) sammelt für sein ‹Record Archive›, 2005-2015, Schallplatten, die historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts als gesprochene Sprache dokumentieren, «De Gaulle in Deutschland», «Jacqueline Kennedy» bspw., wobei vor allem die Coverbilder sprechen und die Antiquiertheit des Tonträgers die politischen Ereignisse zusätzlich entrückt.
Der Entstehung einer Büste ausgehend von einer fotografischen Vorlage ist die britische Künstlerin Christine Borland (*1965) mit ‹L'Homme Double›, 1997, auf der Spur. Sie beauftragte sechs Bildhauer/innen, ein Porträt des Massenmörders und Lagerarztes in Auschwitz Josef Mengele herzustellen. Der ­«Todesengel», der Zwillingspaare, die er zu Forschungszwecken peinigte, als «meine Meerschweinchen» bezeichnete, wurde von Überlebenden als gutaussehend und vertrauenseinflössend geschildert. Hinter einer physisch gefälligen Oberfläche können psychische Abgründe verborgen sein - wie geht man als Bildhauer/in mit diesem Wissen um? Weitere Beteiligte sind: Marc Camille Chaimowicz, Christian Jankowski, Fabrice Gygi, Mathilde ter Heinje, Teresa Margolles, Henrik Olesen, Thomas Schütte. In einem Stadtrundgang wird über die Bedeutung von Denkmälern diskutiert.

Bis: 16.05.2016


MigrosMuseum für Gegenwartskunst, bis 16.5.; Stadtrundgang (mit Christoph Doswald und Joseph Jung), 3.5., Treffpunkt Zwingli-Denkmal 18 Uhr



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Ausgabe 4  2016
Ausstellungen Collection on Display: Momentary Monuments [20.02.16-16.05.16]
Institutionen Migros Museum für Gegenwartskunst [Zürich/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
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