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Besprechung
4.2016


Thomas Schlup :  Es duftet nach Farbe und Öl. Ein Graukeil klebt an einem Fensterrahmen. «Das Rosa zart drucken» steht auf einem Probeabzug. Stifte fliegen über Papier, Tastaturen klappern. Alte Druckpressen neben Tischen und Computern - eine faszinierende Mischung aus Ateliers und Kunsthandwerk unter einem Dach.


Zürich : Atelierhaus Eglistr. 8 - Druckpressen, Werkbänke und Computer


  
links: Armen Eloyan · O.T. 2014, Litho ab Stein, 45x56 cm, aus einer Mappe mit 7 Arbeiten, Auflage: 6
rechts: Atelierhaus Wolfensberger, Durchgang zum Ätzraum in der Kupferdruckwerkstatt und die über 100-jährige Schnelldruckpresse in der Steindruckerei.


Das helle Geschäftshaus mit den abgesetzten Fassadenelementen sticht aus der Reihe der Wohnblocks hervor. So nüchtern es von aussen scheint, so kreativ geht es im Innern zu. Es ist ein Haus voller Ateliers und Druckereien. Im oberen Teil ist auf 300 m2 das ‹Strapazin› domiziliert, das seit 1984 erscheinende Comicmagazin, und die gleichnamige Ateliergemeinschaft mit Grafikerinnen, Illustratoren, Textern und Gestalterinnen. Aus der geöffneten Tür tönt guter alter analoger Rhythm & Blues. Ein Plakat im Treppenhaus verkündet «Smoking can reveal hidden laser traps».
Darunter befinden sich das ‹Büro 146› für visuelle Kommunikation und die ‹Steindruckerei› von Thomi Wolfensberger, wo mit einer über hundertjährigen Schnelldruckpresse die hohe Kunst der Lithografie zelebriert wird. Ebenfalls hier zu Hause ist der in den Fünfzigerjahren gegründete Wolfsberg-Verlag. Dessen Schwerpunkt liegt auf Originalgrafiken, Künstler- und Kinderbüchern: Wer erinnert sich nicht an das naseweise schwarze Fellknäuel ‹Pitschi›, das die Welt erkunden wollte und eines Nachts mit gesträubtem Fell aus einem Kaninchenverschlag durch das dünne Gitter auf den Wolf, den Vollmond und in zwei grosse gelbe Eulenaugen blickt?
Einen Stock tiefer, im Souterrain, befindet sich seit 2000 die Kupferdruckwerkstatt von Mathias Gentinetta. Es gibt kaum ein Durchkommen zwischen Werkbänken, Maschinen und Tischen voller Papier, Werkzeuge, Bleistifte, Baumwolltupfer, Dosen, Tuben und Flaschen. Vor der kleinen Küche lädt eine grosse Wand voller Bücher zum Schmökern, Recherchieren und Verweilen. ‹Weile› ist kein Fremdwort. Kupferdruck ist ein altes Handwerk, man arbeitet langsam mit den Händen. Gentinetta pflegt eine offene Werkstatt und bietet Kurse an. Hier können nach alter Väter Sitte Radierungen hergestellt werden «und seit zehn Jahren auch Intaglio­typien». Bei dieser Technik wird eine UV-Licht-empfindliche Folie auf dem Träger angebracht und ähnlich wie beim Siebdruck durch eine transparente Vorlage belichtet. Die für den Druck wichtigen Vertiefungen sind dann nicht mehr direkt in der Platte, sondern in der Folie vorhanden. So fliesst Modernes in altes Handwerk ein.
Im Zweijahresrhythmus öffnen sich alle Werkstätten und Ateliers im Haus zu ­einer grossen Galerie; ein Anlass, der für das Frühjahr 2016 wieder spannende Werke in einer ganz besonderen Umgebung verspricht.

Bis: 21.04.2016



Links

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Ausgabe 4  2016
Autor/in Thomas Schlup
Link http://www.buero146.ch
Link http://www.kupferdruckwerkstatt.ch
Link http://www.steindruckerei-wolfensberger.ch
Link http://www.strapazin.ch
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