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4.2016




Hannover : Tobias Madison


von: Evelyn Steiner

  
links: Tobias Madison · Das Blut, im Fruchtfleisch gerinnend beim Birnenbiss, 2016. Foto: Mathilde Agius
rechts: Tobias Madison · Lush, 2016. Foto: Mathile Agius


«Wo ist vorne, wo ist hinten?» Der Gästebucheintrag in der aktuellen Schau von Tobias Madison (*1985) könnte als deren Leitmotiv gesetzt werden. Bereits im Titel ‹das blut, im fruchtfleisch gerinnend beim birnenbiss› klingt das Verwirrspiel an und setzt sich in der Ausstellungsgestaltung fort: Der Innenarchitekt Mathias Renner hat die vier Räume der Kestnergesellschaft in eine surrealistische Szenerie überführt, die bald an ein Cocteau-Bühnenbild, bald an metaphysische Malerei erinnert. Geöffnete Funktionsräume und Kulissenwände lösen das Vorne und Hinten auf.
Den Auftakt bilden vier mit Jodfarbe übermalte Fensterbilder, ‹Untitled›, 2015/16, welche die Befragung von Recto und Verso anklingen lassen. Im zweiten Raum finden sich Requisiten wie eine Löwenskulptur aus Holz- und Teppichresten sowie ein eingebautes viktorianisches Fenster. Einzelne Vasen, Pflanzen, Sandsäcke und ein beiger Teppich ergänzen das karge Interieur. Mit Folie bedeckte Fenster tauchen die Räume in einen orangeroten Fiebertraum, der sich im oberen Geschoss weiter ausbreitet. Von dort begibt man sich durch eine historische Geisterbahnfassade, ‹Vapour in Debri›, 2014, zur zentralen, titelgebenden Video-Arbeit.
Im virtuellen Raum erreicht die Schau ihren Höhepunkt, wenn sich der Orientierungsverlust in der Umkehrung gesellschaftlicher Normen manifestiert: Basierend auf Shūji Terayamas Film ‹Emperor Tomato Ketchup›, 1971, in dem Kindersoldaten die Macht über Erwachsene übernehmen, drehte Madison mit einer Hannoveraner Kindertagesstätte in den Ausstellungsräumen eine filmische Untersuchung über das Kind als Projektionsfläche von Utopien. Während das Original eine post-apokalyptische Travestie auf die starren Konventionen der Nachkriegsgesellschaft Japans ist und die Kinder als Träger der systemkritischen Fantasien des Regisseurs fungieren, wirken die jungen Protagonist/innen in der Neuadaption auf den Handlungsstrang ein und entwickeln ihre eigenen Traumwelten. Beim erneuten Traversieren der Schau erkennt man Fragmente des Filmsets wieder und wird sich der Verschmelzung von Ausstellungs- und Filmraum bewusst.
In der von Madison bei der Fotografin Mathilde Agius in Auftrag gegebenen Porträtserie, die als Werbematerial zur Ausstellung zirkuliert, kommen aufgestülpte Ideale erneut zum Tragen: Die Bilder zeigen ein Kindermodel, das ein Banner mit der Aufschrift «Lush» präsentiert, und setzen eine Viral-Marketing-Kampagne der Band Lush für deren Album ‹Lovelife›, 1996, fort. Der komplexe Zitatenschatz aus Märchen, Politik und Kunst wird so erweitert um die Popkultur.

Bis: 24.04.2016



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Ausgabe 4  2016
Ausstellungen Tobias Madison [06.02.16-24.04.16]
Institutionen Kestnergesellschaft [Hannover/Deutschland]
Autor/in Evelyn Steiner
Künstler/in Tobias Madison
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