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Editorial
5.2016




Editorial - Befreiendes Heim


  
Pipilotti Rist · Worry Will Vanish Horizon, 2014, und Pixelwald, 2016, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich, 2016, Courtesy Hauser & Wirth and Luhring Augustine. Foto: Mancia Bodmer, FBM Studio


So farbenfroh und rhythmisch aufgeladen zeigt sich das Kunsthaus Zürich selten. Bewegte Bilder durchfluten die abgedunkelten Räume und lassen Wände, Decken und Böden pulsieren. Pipilotti Rist hat am Heimplatz ein atmosphärisch dichtes, kollektives ­«Heim» geschaffen, das Menschen jeden Alters und jeder Herkunft willkommen heisst. Der bilderreiche Auftritt lässt sich jedoch nur bedingt über Fotografien vermitteln. Denn täglich entfaltet sich das Leben hier neu: Wie Glühwürmchen schwirren die Lichtpunkte der kleinen Taschenlampen umher, mit denen Kinder das geheimnisvolle Ambiente und die Projektionen zwischen den Muscheln, Möbeln und Objekten erkunden. Das Publikum streift allein, zu zweit oder in Grüppchen umher, macht sich in den bereitgestellten Sesseln oder auf den Bodenkissen bequem und lässt sich vom Bilderfluss mitziehen. Auf der Kante eines breiten Betts sitzt ein fragiles Grossmütterchen, umflutet von einem sphärischen Sternenhimmel, etwas später liegen dort drei Jugendliche nebeneinander und hantieren mit ihren Handys. Und am runden Tisch unter einem flackernden Unterhosenleuchter - laut Pipilotti eine Hommage an den Ort, von dem aus wir alle in die Welt geflutscht sind - lassen sich immer wieder andere Grüppchen nieder, versunken in die heimlich-unheimlichen Bild- und Klangwelten - und in sich selbst.
So dicht und hypnotisch Pipilottis Gesamtinstallation ist, so fruchtbar erweist sie sich für die eigene Wahrnehmung. Vor dem filmischen Bildersog öffnen sich unsere Sinne, so dass wir die eigene Position und Rastlosigkeit in einer sich aus jedem Blickwinkel neu zeigenden Welt mit frischer Intensität erleben - eine Erfahrung mit nachhaltiger Wirkung!



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Ausgabe 5  2016
Autor/in Claudia Jolles
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