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Fokus
5.2016


 Die Arbeit von Sandra Senn bewegt sich zwischen Wirklichkeit und Vorstellung. Was in höchstem Mass wirklich erscheint, zeigt sich nicht als äusseres Abbild, sondern als eine aus der Realität gerückte Verschiebung. Wohin treiben die aus Zeit und räumlichem Zusammenhang gefallenen Gefährte Sandra Senns? Was hat es auf sich mit diesen monumentalen und zugleich fragilen Geisterschiffen des Unbewussten?


Sandra Senn - Auf den Meeren verlassener Flüsse


von: Markus Stegmann

  
links: Voraus getrieben, 2016, Pigmentprint auf Büttenpapier, 100x120 cm ©ProLitteris, Courtesy Galerie Voss, Düsseldorf
rechts: Ohne Titel, 2014, Pigmentprint auf Büttenpapier, 100x70 cm, ©ProLitteris, Courtesy Galerie Voss, Düsseldorf


Stegmann: Deine Bilder zeigen und verbergen zugleich die Wirklichkeit. Wenngleich jedes Detail in grösster Schärfe sichtbar ist, stellt sich während der Betrachtung bald heraus, dass etwas nicht «stimmt», dass die Dinge in eine ihnen fremde Umlaufbahn geraten sind. Wie findest du deine Dinge?

Senn: Ich sehe mich als Sammlerin. Ich finde Elemente, Gegenstände oder Orte und bringe sie in einen neuen Kontext. Beim Sammeln leiten mich keine grossen Fragen, sondern viele kleine. Vielleicht ergibt sich aus den kleinen eine grosse, mag sein. Eine ist die nach der Wirklichkeit, nicht nach Fiktion. Ich will nicht definieren, was Wirklichkeit ist. Ich suche vielmehr nach einem Zustand der Wirklichkeit, der mich auf Entdeckungsreisen führt. Irgendwo zwischen Erinnerung und Erscheinung spannt sich die Wirklichkeit auf. Ich mag diesen Schwebezustand. Er ruft die Dinge hervor. Ich begegne draussen einer Pfütze, einem Wald, einer Blache, einer Gegend am Meer. In dem Moment, in dem ich allein hinausgehe, möchte ich nichts anderes sehen. Ich brauche die Einsamkeit, um in die Unmittelbarkeit der Dinge einzusinken. Wenn mir dies gelingt, tauchen die Dinge plötzlich auf.

Stegmann: Ich kann mir vorstellen, dass bei diesen äusseren wie inneren Einlassungen ziemlich viel erscheint. Wie wählst du aus?

Senn: Unter dem Verschiedenen, das sichtbar wird, findet sich immer etwas, das darauf wartet, entdeckt zu werden. Die Fülle reduziert sich wie von selbst. Es ist viel mehr als nur sehen, es ist eine Wahrnehmung mit allen Sinnesorganen. Ich lerne das Ding kennen und dieses mich. Dabei ist unerheblich, ob ich mich am Meer, in den Bergen oder irgendwo im Wald befinde. Es braucht keine spektakulären Landschaften. Wenn ich an diesem Punkt angelangt bin, tritt die Fotografie hinzu: Fotografieren ist wie ein Einsammeln. Ich fotografiere, was ich beim ersten Impuls sehe. Der erste Blick entscheidet. Im Atelier geht das Gespräch zwischen den Fundstücken, den Bildern und mir weiter. Ich sehe meine Arbeit als Versuch, meine Zwiegespräche mit den Dingen nach aussen zu übertragen.

Echoräume gesellschaftlicher und politischer Fragen
Stegmann: Wie entstehen aus diesen Dialogen künstlerische Arbeiten?

Senn: Ich weiss nicht, wohin die Dinge wollen. Ich habe keine konkrete Idee, keinen Plan, kein Konzept. Ich arbeite mit einer Vorstellung von Landschaft, einem gefühlten Zustand. Vor allem aber nehmen mich die Dinge auf eine Reise mit, die sich im Verlauf des Gesprächs ergibt. Manchmal bringen sie mich zum Staunen, manchmal überfallen sie mich, und plötzlich öffnen sich Abgründe.

Stegmann: Abgründe?

Senn: Es gibt verschiedene Abgründe: Im Moment arbeite ich zum Beispiel mit Felsen. Eigentlich stehen sie nur da und handeln nicht. Aber wenn ich sie betrachte, muss ich sie aushalten, muss der Spannung zwischen ihnen und mir standhalten. Ich frage die Felsen, warum sie so mächtig sind, obwohl sie nicht handeln, warum sie so still erscheinen, obwohl sie grosse Fragen stellen? Plötzlich werden der Fels oder das Meer zum Echoraum gesellschaftlicher und politischer Fragen. Manchmal freue ich mich, weil ich das Gefühl habe, die Dinge zu befreien, beispielsweise Bestandteile von Gebäuden oder Schiffen. Ich entlaste die Dinge von ihrer ursprünglichen Funktion. Und ich glaube, sie sind mir deshalb nicht böse.

Stegmann: Es fällt auf, dass sich deine Gebäude und Schiffe in unendlich weiten, geradezu heroischen Landschaften befinden, die das Gefühl von Einsamkeit ausstrahlen, seien es Meere oder entlegene Gebirge. Woher kommt diese Situierung?

Senn: Ich glaube, die Einsamkeit ist in der Welt zu Hause. Als Kind war ich mit meiner Familie auf See, mit einem Segelschiff unterwegs auf den Weltmeeren. Tage ohne Land in Sicht. Das war zeitweise unser Familienalltag. Zum Baden zog mich mein Vater mit einer langen Leine hinter dem Schiff her. Eine Endlosigkeit nach oben und zugleich nach unten. Ich empfand dies einerseits als beglückend und befreiend, andererseits aber auch als bedrückend. Tag für Tag lag die unendliche Weite des Meeres vor uns. Diese existenziellen Empfindungen sind für mich bis heute prägend. Sie stehen für das Leben. Es ist und bleibt undefinierbar.

Stegmann: Deine Schiffe und Gebäude zeigen sich als multiple Konstruktionen, die etwas von Bricolagen haben: Sie setzen sich aus unterschiedlichen Teilen zusammen, wirken zerbrechlich, provisorisch, so, als habe man sie aufgegeben.

Senn: Die Zerbrechlichkeit des Heroischen ist mir wichtig. Viele meiner Gebäude zerfallen, lösen sich auf, befinden sich in einem ungreifbaren Zustand des Übergangs. Die provisorischen, nicht vordefinierten Räume sind dem Wetter, der Landschaft ausgesetzt. Es ist ein Ringen, ein Durchhalten, ein Kräftemessen. Die Gebilde bestehen aus Ansammlungen hölzerner Gelenke und stofflicher Gewebe, die im Zusammenspiel Beweglichkeit für knöcherne Gedanken ermöglichen. Die bühnenartigen Situationen werfen Fragen auf: Welches Stück wird hier gespielt? Wer steht auf der Bühne, was kommt ans Licht, was versteckt sich hinter dem Vorhang? Wird hier noch etwas gespielt oder ist alles längst vorbei und das Bühnenbild eine vergessen gegangene Hülle ohne Funktion? Für mich geht es noch einen Schritt weiter: Die Gebäude stehen nicht isoliert für sich, sondern knüpfen an unser kollektives Gedächtnis an. Menschen, die meine Bilder betrachten, erzählen mir, wo sich diese Orte befinden könnten, wo sie sie gesehen haben, wo sie Ähnliches erlebten. Meine Bühnen verstehe ich als Übergangsräume, Begleiter des Wandels. Sie bewegen sich zwischen Feierlichkeit und Einmotten. Ein stetes Wechselspiel von Finden und Gefundenwerden, von Einsammeln und wieder Ausleeren. Dazwischen liegt der Geschmack von Leere und Keimzeit auf meiner Zunge.

Stegmann: Wenn ich deine schlaftrunken treibenden Schiffe betrachte, erscheinen sie mir als Geisterschiffe des Unbewussten.

Senn: Meine Schiffe sind vielleicht mit «geistigen Zuständen» beladen. Sie sind topografische und architektonische Metaphern, die für die Konstruktion der Erinnerung stehen. Meine Schiffe werden nicht aktiv und funktionsorientiert gesteuert, um effizient von A nach B zu gelangen. Sie sind in anderer Mission unterwegs, tauchen plötzlich auf und verschwinden ebenso rasch wieder. Sie sind ungreifbar, unbehaust, insofern kann man von Geisterschiffen sprechen. Meine Schiffe laden dazu ein, die Wirklichkeit zu überprüfen, gewohnte Sehweisen in Frage zu stellen, gespeicherte Erinnerungen und alte Flussläufe wachzurufen.

Stegmann: Wenn ich mich in deinem Atelier umsehe, sind die Wände gefüllt mit lyrischen Texten auf grossformatigem Papier. Angesichts deiner symphonischen Bilder wirken die Texte erstaunlich abstrakt und reduziert, obwohl sie ihrerseits eine visuelle Sinnlichkeit besitzen, die nicht zu übersehen ist. Weshalb sind dir Texte wichtig? Was kann Sprache, was Bilder nicht können?

Senn: Zu Beginn habe ich von der Unmittelbarkeit gesprochen, die ich im Dialog mit den Dingen erlebe. Das Schreiben kann diesen Zustand verstärken. Es ist ein stilles Zusammensitzen mit den Worten. Schreiben bedeutet Zuhören. Und Zuhören heisst, mich leer zu machen. Sitzen meine Vorstellungskraft und die Wörter gemeinsam am Tisch, erschaffen sie eine eigene Realität, indem sie verschiedene Erinnerungen, aufbewahrte Zustände, Eindrücke miteinander verknüpfen. Es ist eine Verdichtung, eine Verschiebung der Dinge. Ich mag mein unzuverlässiges Gedächtnis. Und da ist die Lust, mich mit den Wörtern zu erinnern, die Welt neu zu erfinden. Manchmal gelingt es, im Schachmatt der Wörter ins Unendliche zu fallen.
Markus Stegmann, Kunsthistoriker, Autor, Direktor Museum Langmatt, Baden. stegmann.m@bluewin.ch


Bis: 21.05.2016


Sandra Senn (*1973, Baden), lebt in Baden und Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 ‹One Project›, Art Madrid
2014 ‹Flüchtige Momente›, Ortung, Art-Public, Chur
2008 Galerie J.J. Heckenhauer, Berlin
2007 ‹Blurred Certainity›, Jerwood-Space, London
2003 Centre pour l'image contemporaine, Genf

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2015 ‹Das Unendliche im Endlichen›, Kunstsammlung Jena; ‹Lost Scapes›, Galerie Voss, Düsseldorf
2013 ‹Babel›, Kunstmuseum Olten
2011 ‹Paradise is Somewhere Else›, Galerie Anita Beckers, Frankfurt
2010 ‹Ingenuity›, Calouste Gulbenkian Foundation, Lissabon
2009 Bozar, Centre for Fine Arts, Brüssel
2006 ‹In den Alpen›, Kunsthaus Zürich

Im Rahmen der Villa Bleuler Gespräche, einer Kooperation zwischen SIK-ISEA und Kunstbulletin, findet ein Gespräch mit Sandra Senn und Patrick Hari, geführt von Daniel Morgenthaler und Monika Schäfer, statt: Villa Bleuler/SIK-ISEA, Zollikerstrasse 32, Zürich, 10.5., 18.00-19.30 Uhr.



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Ausgabe 5  2016
Ausstellungen Sandra Senn [08.04.16-21.05.16]
Institutionen Galerie Voss [Düsseldorf/Deutschland]
Autor/in Markus Stegmann
Künstler/in Sandra Senn
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