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Fokus
5.2016


 Das Musée Jenisch in Vevey hat sich im Gegensatz zur Mehrheit der Schweizer Kunstmuseen in den letzten Jahrzehnten räumlich nicht erweitert. Es hat sich vielmehr durch eine Spezialisierung von einem Provinzmuseum zu einer Spitzeninstitution gemausert. Von Bernard Blatter über Dominique Radrizzani bis zur heutigen Direktorin, Julie Enckell Julliard, hat es konsequent Exzellenz im Bereich der Zeichnung und des Drucks entwickelt. Eine Begegnung.


Musée Jenisch - Ein Museum für Werke auf Papier


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Musée Jenisch, Buchhandlung. Foto: Laurent Mäusli
rechts: Julie Enckell Julliard. Foto: Wiktoria Bosc


Es ist Montag. Zu vertagen sind die Meditation in Ausstellung und Sammlung, das Teetrinken in der Eingangshalle mit ihren warmtonigen Biélerfresken und kontrastreichen Bodenmosaiken, das Stöbern in dem vom Vertreiber Motto angereicherten Buchladen. Ich werde über Hintertüren und Seitentreppen zum Büro von Julie Enckell Julliard unter dem Dach hochgeführt. Gleich nach ihrem Doktorat über romanische Malerei 2004 von Dominique Radrizzani in das Musée Jenisch gerufen, hat sie dort 2007 die zeitgenössische Kunst übernommen, sie leitet das Haus seit 2013.

Holderegger: Du promulgierst das Musée Jenisch heute als Museum für das Papier. Wie ist das ursprünglich interdisziplinäre Haus zu dieser neuen Ausrichtung gekommen?

Enckell Julliard: Als sie es stiftete, hat sich Fanny Jenisch das Museum tatsächlich enzyklopädisch erträumt, mit den Disziplinen Mineralogie, Botanik und Zoologie, einer Bibliothek und auch einer Abteilung für die Kunst. Die meisten Materialien sind im Lauf des 20. Jahrhunderts jedoch in andere Museen gewandert. Speziell war, dass Fanny Jenisch keine Sammlung hatte. Diese hat sich ganz und gar durch Schenkungen, Einlagen und Käufe entwickelt. Wenn etwas das Musée Jenisch heute zu einem Haus für Arbeiten auf Papier macht, dann sind es die über 10'000 Zeichnungen und fast 35'000 Drucke, die wir heute gegenüber nur 1300 Gemälden besitzen. Schon Ende der Sechzigerjahre erhielt das Museum eine riesige Sammlung von Zeichnungen aus der Renaissance, und in den nächsten Jahrzehnten kamen viele weitere hinzu, vor allem aus dem 17. und 18. und natürlich aus dem 20. Jahrhundert - wiederholt auch wertvollste Drucksammlungen mit Arbeiten von Dürer und Rembrandt. 1989 wurde dann das Cabinet cantonal des estampes im Musée Jenisch eröffnet.

Von der Zeichnung zum Papier
Holderegger: Dominique Radrizzani hat im Musée Jenisch ein Centre national du dessin ausgerufen. Du sprichst jetzt von einem Centre de recherches des oeuvres sur papier. Wie kam es zu diesem Blickwechsel: vom Fokus auf die Zeichnung zum Fokus auf den Träger, auf das Papier?

Enckell Julliard: Dominique Radrizzani, ein grosser Zeichnungsspezialist, hat in der Tat viel zur Aufarbeitung der Konvolute beigetragen. Die Idee, künftig vor allem das Papier ins Zentrum zu stellen, hat vor allem damit zu tun, dass ich das Musée Jenisch als Kompetenzzentrum sowohl für die Zeichnung als auch den Druck positionieren möchte. Zeichnung und Druck haben weitgehend die gleichen Bedingungen der Lagerung, der Rahmung und der Ausstellung. Sonst darf man sie aber nicht verwechseln.

Holderegger: Die Zeichnung wird mit dem Ursprung eines Kunstwerks verbunden, während der Druck oft erst für dessen Verbreitung sorgt, auch wenn die Zeichnung heute oft das Kunstwerk darstellt und ein Druck durchaus eine originale Geste widerspiegeln kann, so etwa ein Alla-prima-Steindruck.

Enckell Julliard: Das ist alles richtig. Aber ich baue ja keine Hierarchie zwischen den beiden auf. Man sagt, die Zeichnung zeuge von der Geburt der Idee, und hält sie deshalb für wertvoller als den Druck, der etwas hundertfach reproduziert. Solche stereotypen Diskurse interessieren mich nicht. Ich glaube, dass jede/r Künstler/in, je nachdem, wo er/sie sich in der eigenen Arbeit befindet, unterschiedliche Bedürfnisse hat. Die Arbeit mit Markus Raetz war diesbezüglich interessant. Für ihn ist der Druck entscheidender als die Zeichnung, auch wenn er ständig zeichnet. Er braucht jedoch die Herausforderung des Drucks, um zu testen und zu finden, was er sucht.

Holderegger: Ein wichtiger Zug der aktuellen Zeichnung ist ja, dass sie sich auch in Raum und Zeit entfaltet, als Skulptur erscheint, sich an Architektur heftet, in ­Fotos und Videos auftaucht, und damit also vielfältige Materialien besetzt.

Enckell Julliard: Die Rückkehr zum Papier interessiert mich nicht zuletzt deshalb enorm. Das Konzept «Arbeit auf Papier» ermöglicht einen weiten Blick. Es beschränkt sich nicht nur auf die weisse Seite. Es kann auch den ganzen Raum bedeuten. Wenn ein/e Künstler/in im Raum zeichnet oder mit Papier arbeitet, ist dies immer bedeutsam. In meinem derzeitigen Dialog mit Thomas Hirschhorn versuche ich zu begreifen, was es heisst, mit aufbereiteten und vergänglichen Materialien Monumente zu bauen. Ich verbinde dies durchaus mit der Zeichnung, mit der einfachen Zeichnung, die auch ­ihre Fragilität hat, die zerfallen kann, wenn man sie bloss etwas zu lange ans Licht hält. Man ist bei Thomas Hirschhorn sehr weit von der Ölmalerei oder der Bronze­skulptur entfernt. Es ist etwas anderes, ob ein Künstler durch seine Werke Unsterblichkeit erlangen will oder damit lebt, dass diese vergehen können.

Klein und mit viel Platz
Holderegger: Ihr habt bei der Renovation des Musée Jenisch der Versuchung einer Vergrösserung widerstanden.

Enckell Julliard: Wir wachsen innerlich. Es gibt heute viel Konkurrenz zwischen den kulturellen Institutionen der Schweiz. Die meisten Museen erneuern und vergrössern sich. Sie besitzen wunderbare Sammlungen. Ihre Arbeit ist in der Regel exzellent. Man muss seinen Platz in dieser Landschaft finden. Uns gefällt die Idee, dass man auch auf wenig Raum grossen Reichtum entwickeln kann. Wir sind bestenfalls ein Middle-Size-Museum. Statt jedoch wie die meisten Museen nur hin und wieder Arbeiten auf Papier zu zeigen oder sie in ein separates Kabinett zu verweisen, geben wir ihnen den ganzen Raum. Dadurch verfügen wir plötzlich über viel Platz, ganze Werke oder auch wichtige Themen in diesem Bereich eingehend zu behandeln, wie etwa das Skizzenbuch.

Holderegger: Gewachsen ist nicht zuletzt auch das Team, das sehr beschwingt wirkt.

Enckell Julliard: Ich hatte grosses Glück, dass das Team 2012 gerade neu aufgebaut werden musste und ich es darüber hinaus erweitern konnte. Es ist super. Vermutlich auch deshalb, weil sich alle spezialisieren. Sie brauchen nicht überall gut zu sein, sie sind für Arbeiten auf Papier zuständig. Sie werden gezielt weitergebildet, etwa mit dem Zürcher Papierrestaurator Olivier Masson. Und früher oder später werden sie spitze. Entscheidend für mich ist aber nicht zuletzt, dass wir uns auch immer wieder Zeit nehmen, um grundsätzlich über unsere Arbeit nachzudenken. Das ist nicht immer leicht. So hat die Produktion des unabhängig vom Ausstellungsprogramm erarbeiteten Buchs «Vers le visible» über drei Jahre gedauert, aber es war für mich unerlässlich, um die Geschichte der Ausstellung der zeitgenössischen Zeichnung besser zu verstehen. Wie hat dies angefangen? Was ist genau passiert?

Holderegger: Durch diese Spezialisierung scheint ihr über die Region hinaus auszustrahlen. Fast jeden Monat habe ich im letzten Jahr von einer wichtigen Schenkung, manchmal von weit her, gehört. Wie ist dieses Beziehungsnetz entstanden? Gibt es spezifische Sammler/innen grafischer Kunst? Sind sie vielleicht belesener und gelehrter? Waren doch zumindest die Anfänge des Holzschnitts und des Kupferstichs eng mit dem Buch und einer mehr bürgerlich-intimen als aristokratisch-mondänen Kultur verbunden.

Enckell Julliard: Gewiss gibt es Typen. Aber Sammler/innen sind immer überraschend. Wir haben gerade eine Sammlung zeitgenössischer Kunst von einem katholischen Priester erhalten. Generell ist für mich die Beziehung zu den Künstlern/innen im Alltag jedoch wichtiger als die Verbindung zu den Sammlern/innen. Meine Konservatorinnen und ich und versuchen regelmässig in die Ateliers zu gehen, um uns vor Augen zu halten, womit wir arbeiten. Sonst wird es schwierig. Manchmal kommen selbst die Schenkungen der Sammler/innen über die Künstler/innen zustande, die uns vertrauen und uns empfehlen.

Vor allem aber versuche ich einfach, hohe Ansprüche an unsere Arbeit zu stellen und das Museum durch die Ausstellungen und die Publikationen klar zu positionieren. So geschieht eigentlich alles von selbst. Als etwa der grosse Lausanner Künstler Jean Otth 2013 starb, wurde sein Nachlass aufgeteilt. Es war sofort klar, dass die Videos an das Musée cantonal des Beaux-Arts/MCBA in Lausanne gehen, das seit den Siebzigerjahren eine Videosammlung aufgebaut hat. Ich hätte die Videos ablehnen müssen, da wir nicht über die nötige technische Ausrüstung verfügen und uns  in diesem Medium auch gar nicht auskennen. Das Musée Jenisch Vevey hat indes die Skizzenbücher des Künstlers erhalten, die sublim sind.

Es wäre echt dumm, wenn wir beide das Gleiche machen wollten, wir sind ja nur 15 Minuten per Zug voneinander entfernt. Es kann viel mehr erreicht werden, wenn sich die Museen in der gleichen Region komplettieren statt konkurrieren.
Katharina Holderegger ist Kunsthistorikerin, Kritikerin und Kuratorin und lebt mit ihrer Familie in Gland und Paris. kholderegger@hotmail.com


Bis: 15.05.2016


Musée Jenisch
Sammlung: 35'000 Drucke, 9500 Zeichnungen, 1300 Gemälde, 140 Skulpturen
Ausstellungen: drei pro Jahr, gewidmet einer jüngeren, einer etablierten und einer historischen Einzelposition oder einer Gruppenausstellung.
Ausstellungsfläche: etwa 1000 m².
Budget: etwa CHF 1, 5 Mio., davon CHF 80'000 für Ankäufe.
Publikum: etwa 20'000 Personen pro Jahr.

Albertine & Germano Zullo, ‹Une histoire du musée selon Fanny Jenisch›, hg. von Julie Enckell ­Julliard, Musée Jenisch Vevey (Vevey, 2015)

‹Vers le visible: Exposer le dessin contemporain 1964–1980›, hg. von Julie Enckell Julliard, Les ­presses du réel und Musée Jenisch Vevey, Lyon und Vevey, 2015



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Ausgabe 5  2016
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
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